Kampf gegen Krebs: 

netzeitung.deVitamin C ist keine Krebstherapie

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Vitamin C - hilft gegen Vieles aber nicht gegen Krebs (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Vitamin C - hilft gegen Vieles aber nicht gegen Krebs
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Nach einer Studie an Ratten wird das «Supervitamin» C auch mit einer Krebstherapie in Zusammenhang gebracht - Vitaminspezialist Hans Konrad Biesalski warnt in der Netzeitung vor möglichen Folgen.

Netzeitung.de: Herr Biesalski, kaum ein Vitamin ist derart populär und gilt trotz lückenhafter wissenschaftlicher Beweise so sehr als Inbegriff des Gesunden wie Vitamin C. In einer aktuellen Studie wird nun davon berichtet, dass es im Tierversuch gelungen ist, verschiedene Tumorarten durch Injektionen von hochdosiertem Vitamin C im Wachstum zu hemmen. Hat Vitamin C also auch eine Zukunft in der Krebstherapie?

Hans Konrad Biesalski: An eine Krebstherapie mit Vitamin C denkt derzeit niemand. Interessant an der Studie ist, dass das Vitamin, wenn es intravenös verabreicht wird, nicht mehr wie ein Vitamin – also antioxidativ – sondern zumindest bei Mäusen prooxidativ wirkt. Das heißt, es bildet in der Krebszelle Sauerstoffradikale, die dem Tumor zu schaffen machen. Dieser wird zwar im Wachstum gehemmt, wächst aber dennoch munter weiter. Mehr zeigt die Studie leider nicht.

Netzeitung.de: Die Autoren sprechen davon, dass klinische Tests ihre Ergebnisse erweitern und untermauern sollen.

Biesalski: Auch das muss differenziert betrachtet werden. Die Autoren sagen, bei Tumoren, wo keine weitere Therapie mehr hilft oder eine ganz schlechte Prognose besteht, könnte man diese Gabe von Vitamin C versuchen. In den entsprechenden Tierversuchen wurden ja auch Krebszellen verwendet, die extrem aggressiv sind – unter anderem Glioblastome, also Hirntumore.

Es könnte sein, dass ein langsameres Wachstum die Überlebenszeit des Betroffenen verlängert. Wie lang, weiß allerdings niemand. Es gibt in der Literatur drei positive Arbeiten mit intravenös verabreichtem Vitamin C. Dagegen stehen aber viele, viele andere Arbeiten, die eben diesen Therapieerfolg nicht belegen können. Man sollte vor allem nicht den Fehler machen und glauben, dass man jetzt Vitamin C ohne weiteres zur Standardtherapie dazugeben kann.

Netzeitung.de: Warum nicht?

Biesalski: Vitamin C ist und bleibt ein Antioxidanz, es fängt freie Sauerstoffradikale im Körper ab. viele Chemotherapeutika und Bestrahlung haben aber ihren Erfolg gerade darin, dass sie freie Radikale erzeugen. Wenn diese nun mit Vitamin C abgefangen werden, dann erreicht man möglicherweise genau das Gegenteil von dem, was erreicht werden sollte – die Standardtherapie wird also in ihrer Wirkung massiv eingeschränkt. Dieser Fakt steht auch großen klinischen Tests im Wege. Ich will aber nicht grundsätzlich gegen diese Studien sprechen. Ich halte es für vernünftig, unter kontrolliert klinischen Bedingungen daran zu forschen, um dann zu sehen was dran ist.

Netzeitung.de: Einige Heilpraktiker bieten hierzulande hochdosiertes Vitamin C als Infusion an, um die Immunabwehr zu stärken. Was ist davon zu halten?

Biesalski: Wenn der Heilpraktiker subjektiv mit einer Vitamin-C-Infusion Erfolg hat, und es dem Patienten besser geht, ist das seine Sache und es ist nichts dagegen zu sagen. Es gibt nur keine klinischen Untersuchungen, die die Wirkung von intravenösem Vitamin C zur Stärkung des Immunsystems belegen. Sehr wohl gibt es aber positive Daten zur Wirkung von intravenösem Vitamin C, die sehr spannend sind. Zum Beispiel bei Patienten mit starken Verbrennungen oder bei Dialysepatienten.

Netzeitung.de: Sind denn Nebenwirkungen zu befürchten?

Biesalski: Nach aller Erfahrung, die man damit hat, scheint es kaum welche zu geben. Problematisch könnte die Bildung von Nierensteinen sein. Das ist bei der intravenösen Gabe aber nur dann kritisch, wenn jemand eine Nierenfunktionsstörung oder eine Veranlagung zur Steinbildung hat.

Doch gerade in Bezug auf Nebenwirkungen wirft das Prinzip der eingangs besprochenen Studie Fragen auf: Wenn die Autoren sagen, das Vitamin C wirkt in Tumorzellen prooxidativ, was ist dann mit den gesunden Zellen? In der Arbeit wird davon geschrieben, dass das Vitamin-C-Radikal nur in Tumorzellen und dem umliegenden Gewebe gefunden wurde. Ich muss da widersprechen. Wir haben Daten publiziert, wo bei gesunden Probanden nach einer intravenösen Gabe von Vitamin C sehr wohl das Vitamin C-Radikal im Blut vorhanden war. Bei der aktuellen Arbeit hätte mich interessiert, was in der Leber der Mäuse oder in anderen Geweben passiert. Diese Antwort fehlt.

Netzeitung.de: Gibt es in Deutschland Forschungen in diese Richtung?

Biesalski: Wir hier am Institut für Biologische Chemie und Ernährungswissenschaftarbeiten arbeiten damit. Es gibt auch einzelne Studien mit Verbrennungspatienten. Im Krebsbereich aber meines Wissens nach nicht.

Netzeitung.de: Wie sieht es denn aus mit Vitamin C in der Krebsprophylaxe?

Biesalski: Weder die Vitamine im Einzelnen noch die Ernährung hat einen echt prophylaktischen Effekt. Ich würde viel eher sagen, wer sich insgesamt gesund ernährt – oder gesund ernähren kann, denn das ist ja auch eine Geldfrage – der tut mit dem entsprechenden Maß an Bewegung das Maximum dessen, was man als einzelner in der Krebsvorsorge tun kann. Unter der Bedingung natürlich, dass derjenige nicht raucht oder allzu viel Alkohol trinkt.

Netzeitung.de: Heißt das also, Nahrungsergänzungsmittel sind Geldschneiderei?

Biesalski: Auch das kann man so pauschal nicht sagen. Es gibt durchaus Gruppen, die Nahrung ergänzen müssen. Diabetiker zum Beispiel brauchen mehr Vitamin C. Oder ältere Leute. Die bekommen nicht mehr die Ernährungsmenge, die sie eigentlich zur Deckung des Vitaminbedarfs bräuchten. Da ist es sinnvoll zu ergänzen, aber eben gezielt zu ergänzen.

Pauschal kann ich Nahrungsergänzungsmittel aber zur Krebsvorbeugung nicht empfehlen, denn dazu gibt es keine entsprechenden klinischen Daten.

Netzeitung.de: Wie sieht es denn mit den Rauchervitaminen aus?

Biesalski: Die bringen gar nichts. Das haben auch mehrere Studien nachgewiesen: Man kann mit Nahrungsergänzungsmitteln eine ungesunde Lebensweise nicht kompensieren.

Professor Hans Konrad Biesalski leitet das Institut für Biologische Chemie und Ernährungswissenschaft an der Universität Hohenheim. Mit ihm sprach Daniel Kählert.