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Wochenendwissen: 

Biologische und geometrische Tücken des Abseits

21. Jun 2008 09:53
Fähnchen heben
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Abseits ist, wenn Frau1 hinter Frau2 im Schuhladen an der Schlange steht… Hmm? Doch, doch! Besser kann Abseits nicht erklärt werden! Ob Gender krank macht und wer im Elfenbeinturm lacht, verlinkt das Wochenendwissen.

Die Euro 2008 geht in die Endphase, dann wird es auch für Metin Tolan mit seinem physikalischen Fußball-Blog Querkraft wieder etwas ruhiger – zumindest bis das erste Spiel der Bundesliga wieder angepfiffen wird. Nach Flatterbällen und der Wahrscheinlichkeit des deutschen Europameistertitels beglückt uns der Physiker in dieser Woche mit der Erklärung, warum es immer wieder Fehlentscheidungen beim Abseits geben wird.

Aber der Reihe nach: Spätestens seit dem Frühsommer 2006 müsste zwar die Mehrheit der Bundesbürger wissen, was diese Regel besagt, doch nicht ganz so fußballbegeisterte Menschen, wie ich es bin, vergessen sowas auch schnell wieder. Also, von Abseits wird gesprochen, so klärt uns Maria Giulia im Ratgeberforum Gutefrage.net auf, wenn:

«Frau1 hinter Frau2 im Schuhladen an der Schlange steht... plötzlich holt die Kassiererin ein wunderschönes Paar Schuhe hinter der Theke hervor... Frau1 will diese Schuhe unbedingt haben hat aber nicht genug Geld... dann schaut sie ihre Freundin an, die weiter hinten im Laden steht. Diese weiß sofort: meine Freundin braucht Geld... Dann wirft sie den Geldbeutel in Richtung Kasse. Frau 1 steht immer noch hinter Frau 2... sobald der Geldbeutel an Frau1 vorbei ist, rennt Frau2 um Frau1 herum und fängt den Geldbeutel auf und hat was sie haben wollte: ihre Schuhe... im Fußball angewandt wäre das ein TOOOR... OHNE ABSEITS.»

Warum nun aber die Probleme mit dieser ursprünglich über 140 Jahre alten Regel? Der Knackpunkt ist der Linienrichter, denn dieser muss, wie Tolan herleitet , beim Erkennen einer Abseitssituation mit seinen Augen fünf Objekte, die sich relativ zueinander bewegen. Fünf Objekte gleichzeitig erfassen – und das bei Geschwindigkeiten von zehn Metern pro Sekunde. Eigentlich ist das menschliche Auge dafür zu träge, sagt Tolan und berechnet gleich noch, wie weit ein Stürmer weiter sprintet, bis der Mann am Rand das Gesehende verarbeitet hat.

Der biologischen Schwierigkeiten aber nicht genug: Daneben gibt es noch ein geometrisches Problem: Denn steht der Linienrichter nicht exakt auf der gleichen Höhe des Balles, erscheinen die Projektionen der vom Angreifer und Verteidiger ausgehenden Lichtstrahlen auf der Netzhaut des Auges des Linienrichters verschoben und der Unparteiische erkennt Abseits, wo keins war und umgekehrt. Es wundert, dass es bei den von Tolan dargestellten Schwierigkeiten überhaupt zu richtigen Entscheidungen kommt. Oder wie adenosine kommentiert: «Es geht doch nichts über die Schadenfreude, wenn der gegnerischen Mannschaft ein reguläres Tor wegen Abseits aberkannt wird.»

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Wie oben angedeutet, wird das Verstehen der Abseitsregel gerne auch in Abhängigkeit der Kategorie «Geschlecht» bzw. als Symptom des Unterschieds gesehen. Die gute Eva war aus der Rippe Adams geschaffen worden und hatte den armen Mann dazu verführt, vom Baum der Erkenntnis zu naschen. Gott verstand da aber keinen Spaß, beide mussten sich ankleiden und wurden aus dem Paradies geschmissen etc. - diese unterhaltsame Geschichte aus dem ersten Buch Mose ist so bekannt, wie sie ebenfalls als meist nicht ganz ernst gemeinte Erklärung dafür herhalten muss, ob oder warum Männer und Frauen unterschiedlich sind. Seit sich im westlichen Wissenschaftsbetrieb die Gender Studies mit der Geschlechterdifferenz beschäftigen und die Politik diese Differenzen mit dem Konzept des Gender Mainstreaming als Kampfzone erschlossen hat, ist ein Diskurs entstanden, der mehr als ideologisches Minenfeld denn als rationaler Meinungsaustausch bezeichnet werden kann.

Ferdinand Knauß hat nun ein Blog über diese Geschlechtsverwirrung eröffnet. «Die Geschlechtlichkeit ist ein Grenzgebiet zwischen Natur, Gesellschaft und Geist. Ich will sie von allen Seiten betrachten», verspricht er in den Angaben zu seiner Person , und eröffnet den ersten Blogeintrag mit kritischen Gedanken über den gefühlten Gender-Mainstream in diesem Lande. Mit den Gedanken eines Psychologen, der Angst vor der «akademischen Macht der Gender-Theorie» hat, stellt er die ketzerische Frage: Macht Gender krank? In den Kommentaren wird sich über «das Sexualleben dieser Genderfreaks» gesorgt und bemerkt, dass Sexualität in Deutschland eher auf Bildschirmen, als in den Betten stattfindet. Hoffentlich schafft der Blog noch die Kurve in eine Diskussion, die übers simple Gender-Bashing hinaus geht.

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Und sonst: Helmut Wicht, seines Zeichens Biologe an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main, berichtet im Anatomischen Allerlei, dass in seinem Elfenbeinturm auch ab und zu gelacht wird. Ganz nebenbei wird dabei das Substrat des Geistes entdeckt. Und das Ganze noch ohne den vielgepriesenen Hirnscanner. In den Kommentaren wird zwar über den «schönen Scheiß» geschmunzelt, aber erhofft hatte man sich etwas anderes.


 
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