Biologisches Wettrüsten im Kampf der Geschlechter
14.02.2002
Herausgeber: netzeitung.de
Sieht harmonisch aus - ist es aber nicht.
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Wasserläufer-Männchen sind Brutalos. Ihre Weibchen wissen sich allerdings zu wehren. Ein Musterbeispiel für den Kampf der Geschlechter beschreiben jetzt kanadische Wissenschaftler.
Aufdringliche Männer, zurückhaltende Damen. Im Tierreich ist die Bereitschaft zum Geschlechtsverkehr in etwa so verteilt wie in diesem althergebrachten menschlichen Klischee. Um den unterschiedlichen Interessen Nachdruck zu verleihen, entwickeln sich in der Evolution auch bestimmte Eigenschaften und Merkmale.
Mein Vorteil, dein NachteilAus einem Kampf der Geschlechter kann so ein biologischer Rüstungswettlauf werden, der körperliche Merkmale einer Spezies verändert und möglicherweise zur Entstehung neuer Arten führt. Einen Beleg für diesen zunächst nur theoretischen Mechanismus der Evolution fanden Locke Rowe von der
University of Toronto und Göran Arnqvist von der
University of Uppsala durch Untersuchungen an Wasserläufern, Insekten aus der Gruppe der Wanzen. Ihre Ergebnisse veröffentlicht jetzt das Fachblatt «Nature».
Interessenskonflikte zwischen den Geschlechtern sind im Tierreich weit verbreitet. Was «Ihm» nützt, kann für «Sie» von Nachteil sein möglichst häufige Paarungen zum Beispiel. Das Männchen will so oft es geht, möglichst mit verschiedene Weibchen, kopulieren, um seinen Gene zu verteilen. Das Weibchen mit seiner begrenzten Anzahl von Eizellen hat dagegen (außer einer eventuell vorteilhaften höheren genetischen Variation ihrer Nachkommen) praktisch gar nichts von häufigem Sex mit unterschiedlichen Partnern, der nur Energie kostet und auch die Flucht vor möglichen Feinden erschwert.
Greifarm gegen StachelnDas «Vorspiel» der Wasserläufer besteht in einer Art Ringkampf, in dem das Männchen bemüht ist, die Partnerin festzuhalten, während das Weibchen den Freier abzuschütteln versucht. Um ihre Erfolgsaussichten zu erhöhen, haben die Männchen im Laufe der Evolution immer wirksamere Klammerwerkzeuge entwickelt. Im Gegenzug bildeten die Weibchen zur Abwehr immer effizientere stachelige Fortsätze am Hinterleib aus.
Der hier beobachtete Rüstungswettlauf zwischen männlicher Hartnäckigkeit und weiblicher Widerstandskraft ist in der Natur allerdings nicht leicht zu finden, sagen die Forscher. Normalerweise stellt sich zwischen den Waffen der Geschlechter ein Gleichgewicht ein, so dass der ursprüngliche Konflikt unerkannt bleibt. Nur vorübergehend ist es einer Seite möglich, im Vorteil zu sein. Ein solches Beispiel für die Verschiebung der Waffenbalance haben die Wissenschaftler bei verschiedenen Arten von Wasserläufern gefunden. Bei einigen Spezies waren die Weibchen im Vorteil, was zu einer geringen Paarungshäufigkeit führte. Im umgekehrten Fall stellten die Biologen eine hohe Paarungsrate fest.
Sex-Konflikte und Art-EntstehungDie Forschungsergebnisse zeigen am Beispiel einer Insektengruppe, dass Konflikte zwischen den Geschlechtern die Ursache für die Veränderung körperlicher Merkmale sein können. Jede Partei optimiert ihre Waffen für den Kampf mit der anderen. Damit wird jede Veränderung des einen Geschlechts zur Triebfeder der Evolution des anderen. Dieser Prozess kann wie offenbar bei den Wasserläufern - zur Entstehung neuer Arten führen. (nz/wsa)