08.02.2002
Herausgeber: netzeitung.de
Ein Spermium macht noch keine Schwangerschaft - erst häufiger Sex ebnet den Weg.
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Viel Sex, aber selten schwanger. Dieser Zusammenhang ist typisch für Homo sapiens. Biologen haben jetzt den Grund gefunden, warum der Mensch so häufig fruchtlosen Sex hat - und Oralverkehr die Fruchtbarkeit erhöht.
Es ist ein Kunstgriff der Evolution, dass der Mensch jederzeit bereit ist für Sex. Wo sonst im Tierreich Brunft, Brunst, Läufig- oder Rolligkeit für Zucht und Ordnung sorgen, indem sexuelle Aktivität auf die sinnvollen, nämlich fruchtbaren Tage des Weibchens beschränkt wird, da schert Homo sapiens aus.
Viele Theorien wurden aufgestellt, welchen evolutiven Vorteil der ungezügelte Sexualtrieb dem Menschen verschafft habe. Jetzt haben australische Fortpflanzungsbiologen um Sarah Robertson von der University of Adelaide entdeckt, dass viel Sex das Immunsystem der Frau an die fremden Spermien gewöhnt und so eine Schwangerschaft erst möglich macht.
Embryo contra ImmunsystemEine Schwangerschaft stellt das Immunsystem der Frau vor ein Problem: Es ist darauf geeicht, fremde Zellen und Gewebe möglichst schnell zu erkennen und zu beseitigen, um Krankheitserreger zu bekämpfen. Sowohl das männliche Sperma als auch das Produkt aus mütterlicher Eizelle und Spermium, der Embryo, werden deshalb als Fremdkörper eingestuft. Dementsprechend ist Unfruchtbarkeit bei der Frau oft gekoppelt mit einem überaktiven Immunsystem, dass entweder schon die Spermien auf dem Weg zur Eizelle eliminiert oder den Embryo im Laufe der Entwicklung bekämpft und so zu frühen Fehlgeburten führt.
Menschliches Sperma vor dem Angriff des Immunsystems ...Foto: University of VirginiaSelbst wenn die Frau schwanger wird, kann die Plazenta, über die sich der Embryo mit Nährstoffen und Sauerstoff versorgt, vom Immunsystem angegriffen werden. Die Folge ist eine schlechtere Versorgung des Fötus, das Geburtsgewicht verringert sich, das Risiko einer Totgeburt steigt. Bei einer Abstoßung der Plazenta könnte aber auch die Mutter Schaden nehmen. Nach einer umstrittenen Theorie ist die Schwangerschafts-Gestose, eine Stoffwechselstörung von der fünf bis zehn Prozent aller Schwangeren betroffen sind, Folge einer Immunreaktion gegen die Plazenta. Der Blutdruck der Frauen steigt, sie bekommen Krämpfe, fallen mitunter ins Koma und können sogar daran sterben.
Spermatoleranz bei der Frau«Die Akzeptanz des Fötus ist ein viel dynamischerer Vorgang, als man bisher angenommen hat», sagte Rodney Kelly, Reproduktionsimmunologe an der Universität Edinburgh, dem New Scientist. «Da sind fötale Zellen im Blutkreislauf der Mutter und jede Menge Fremdkörper, so dass es offensichtlich ist, dass da eine enorme Anpassung des Immunsystem nötig ist, um eine Abstoßung des Embryos zu verhindern.»
... während die Immunreaktion abläuft und ...Foto: University of VirginiaOffenbar gewöhnt sich das Immunsystem mit jedem sexuellen Kontakt mehr an die Spermien des Partners. Kurz nach dem Geschlechtsverkehr sind Scheide und Gebärmutter voller Immunzellen. Normalerweise würden sich die Zellen die Struktur der fremden Proteine merken, um beim nächsten Eindringen der Fremdkörper mit einer schnellen Immunantwort reagieren zu können. Aber irgend etwas in der Flüssigkeit des Spermas scheint diese Reaktion zu verhindern. «Wenn das Immunsystem immer wieder diesem Signal ausgesetzt wird und die Frau schließlich schwanger wird», sagt Gustaaf Dekker, einer der australischen Forscher, «dann werden die Immunzellen sagen: 'wir kennen den Kerl, er ist schon eine ganze Weile da, wir sollten die Schwangerschaft zulassen.'»
TGF-beta: Schlichter im GeschlechterkampfIn einigen Fällen bleibt die Sperma-Akzeptanz allerdings aus. Einige (wenige) Partnerschaften gehen auseinander, weil die Frau allergisch auf das Sperma des Mannes reagiert, bis hin zum lebensgefährlichen anaphylaktischen Schock. Und eine Analyse von 1,7 Millionen Geburten in Norwegen ergab, dass es einige besonders «gefährliche» Männer gibt, die das Risiko ihrer Partnerinnen, eine Schwangerschaftsgestose zu erleiden, etwa verdoppeln. Offenbar fehlt dem Sperma dieser Männer die Fähigkeit, das weibliche Immunsystem zu beruhigen.
... nach der Spermien-Verklumpung durch Antikörper gegen das 'Sperm Agglutination Antigen-1' (SAGA-1), ein Oberflächen-Protein des Spermiums.Foto: University of VirginiaWelcher Stoff im Sperma macht die Frau empfänglicher? Die Forschergruppe um Sarah Robertson hat den Wachstumsfaktor TGF-beta identifiziert. Offenbar lockt er die Immunzellen in die Gebärmutter, aber nicht nur um die Samenproteine anzugreifen, sondern auch um die Immunzellen an die Fremdkörper zu gewöhnen: Die Forscher injizierten gereinigte Spermaproteine in die Gebärmutter von Versuchsmäusen. Enthielt das Gemisch kein TGF-beta, dann zeigten die Mäuse eine heftige allergische Reaktion, wenn ihnen die gleichen Spermaproteine einige Tage später unter die Haut gespritzt wurden. Mit TGF-beta blieb die Reaktion aus.
Mittel gegen UnfruchtbarkeitMöglicherweise lässt sich mit Hilfe von TGF-beta Frauen helfen, die lange Zeit nicht schwanger werden konnten. Deshalb vergleichen die Forscher jetzt die TGF-beta-Konzentration im Sperma von Männern, deren Frauen normale Schwangerschaften hatten, mit denen von Männern, deren Frauen eine Gestose oder Fehlgeburten hatten. Die Hypothese: Die TGF-beta-Menge im Sperma entscheidet darüber, wie Sperma und Embryo in der Gebärmutter toleriert werden.
Die Forscher überlegen, unfruchtbaren Frauen TGF-beta in Form eines vaginalen Gels zu verabreichen, denn das Molekül und die Samenproteine müssen gleichzeitig verabreicht werden, um die Toleranzreaktion auszulösen. Auch im Zuge einer In-vitro Fertilisation könnte ein solches Gel die Chance erhöhen, eine Schwangerschaft herbeizuführen.
Möglicherweise könnte die «Vaginale Immunisierung» mit TGF-beta als Vermittler auch Frauen helfen, die an Multipler Sklerose oder anderen Autoimmunerkrankungen leiden, bei denen das Immunsystem fälschlicherweise Stoffe als «fremd» klassifiziert, die zum eigenen Körper gehören. Im Fall von Multipler Sklerose würde der Nervenisolator-Stoff Myelin gemeinsam mit TGF-beta in die Gebärmutter gespritzt, um die Toleranz wiederherzustellen.
Oralsex fördert SchwangerschaftAber vielleicht bedarf es gar nicht des Weges über die Vagina. Eine Studie von Carin Koelman und Gustaaf Dekker zeigte, dass das Sperma auch den Weg über den Mund nehmen kann, um eine Immuntoleranz aufzubauen: Die Forscher fanden, dass Frauen, die eine Schwangerschaftsgestose hatten, wesentlich seltener oralen Sex mit ihren Partnern hatten, als Frauen, die normale Schwangerschaften austrugen. Und der Schutzeffekt des Spermas war offenbar am besten, wenn die Frauen das Ejakulat des Partners tatsächlich schluckten. Sollte sich diese Korrelation wissenschaftlich erhärten lasse, muss die These vom sündigen, weil fruchtlosen Sex wohl endgültig abgeschafft werden.