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Alte Leiche vor Gericht
20. Jun 2001 16:18, ergänzt 21. Jun 2001 07:47

Der Schädel des Kennewick-Mannes
Foto: AP Photo
Wissenschaft und Religion im Streit: Vor einem amerikanischen Gericht wird über das Schicksal eines 9000 Jahre alten Amerikaners entschieden.
 
PORTLAND. Er ist mit geschätzten 9200 Jahren einer der ältesten Amerikaner - der Kennewick-Mann, dessen gut erhaltenes Skelett 1996 bei Kennewick im US-Bundesstaat Washington aus dem Columbia-River gefischt wurde. Seit seiner Entdeckung erhitzt er die Gemüter. In dieser Woche soll über sein Schicksal endgültig entschieden werden.

Streit um den Knochenmann

Mehr in der Netzeitung:
  • Die ersten Bauern Amerikas 18. Mai 2001 16:51
  • Die älteste Stadt Amerikas 27. Apr 2001 07:32
  • Zwei Parteien streiten sich um den Knochenmann: Auf der einen Seite die Zunft der Archäologen und Anthropologen des Landes, für die der Kennewick-Mann wertvolle Hinweise auf die amerikanische Frühgeschichte liefern könnte.

    Und die ist zur Zeit umstritten genug: Der alte Lehrsatz, wonach die ersten Amerikaner vor etwa 10.000 Jahren über eine Landbrücke aus Russland nach Alaska einwanderten, ist in den letzten Jahren durch eine Reihe von Funden erschüttert worden. Der Kennewick-Mann, dessen körperliche Merkmale eher nach Südasien und Polynesien weisen, nimmt unter diesen Funden wegen seiner Vollständigkeit einen herausragenden Platz ein.

    Respekt vor dem Toten

    Mehr im Internet:
    Solch wissenschaftlichem Erkenntnisdrang stehen die religiös motivierten Forderungen der Indianderstämme im Fundgebiet entgegen. Diese sehen im Kennewick-Mann einen ihrer Vorfahren und fordern die Respektierung seiner Totenruhe. Die Indianer verlangen, dass ihnen das Skelett ausgehändigt wird, damit sie es an einem geheimen Ort begraben können. In ähnlichen Fällen haben Ureinwohner bereits mit Erfolg die Gerichte angerufen.

    Auch die Indianer der Kennewick-Region erhielten zunächst Recht: Im vergangenen September ordnete das US-Innenministerium die Herausgabe des Skeletts an, da es sich unzweifelhaft um einen amerikanischen Ureinwohner handele. Wobei der Begriff «Ureinwohner» nach Auffassung der Innenbehörde alle Menschen umfasst, die im Jahre 1492, dem Jahr der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, auf dem Staatsgebiet der heutigen USA lebten - sowie deren Vorfahren und Nachkommen. Eine Entscheidung, gegen die einige Wissenschaftler vor Gericht zogen.

    Keine leichte Entscheidung

    Sie wollen aufzeigen, dass die Definition des Innenministeriums fehlerhaft ist. Ein Datum allein reiche zur Klärung des Begriffs «Ureinwohner» nicht aus. Der Kennewick-Mann könne schon wegen seiner ganz andersartigen Physiognomie kein Verwandter der heute im Fundgebiet lebenden Indianer sein, ihre religiösen Vorbehalte seien also unbegründet.

    Ein schwieriges Problem für Richter John Jelderks, der die Anhörung vor dem Bezirksgericht Portland leitet. Er kündigte denn auch an, dass er die Argumente beider Seiten in Ruhe prüfen wolle. Mit einer Entscheidung wird frühestens zum Wochenende gerechnet. Bis dahin bleibt der Kennewick-Mann in jedem Fall noch in der Obhut der Wissenschaftler: Bis zur endgültigen Klärung des Falles ruhen seine Knochen im Burke Museum in Seattle.





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