netzeitung.deZweifelhafte Rekonstruktion

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Die BBC-Rekonstruktion von Jesus (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Die BBC-Rekonstruktion von Jesus
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Die Frage nach dem Aussehen von Jesus beschäftigt Wissenschaftler und Künstler seit zwei Jahrtausenden. Ob die Rekonstruktion im Computer weiterhilft, erscheint allerdings fraglich.

HAMBURG. Wie sah der Mann aus, dessen Kreuzigung und Auferstehung die Christenheit am Osterfest als Höhepunkt gedenkt? Die biblischen Berichte teilen nichts über die äußere Erscheinung des Jesus von Nazareth mit. Die Vorstellungen von ihm haben sich im Laufe von fast 2000 Jahren mehrfach gewandelt. Dominant ist dabei immer wieder: Er sah zugleich schlicht und hoheitsvoll aus und war von starker spiritueller Ausstrahlung.
Wie ein Bettler
So war es denn jetzt für manche ein Schock, dass die britische BBC mit Computerhilfe ein Jesus-«Foto» erstellte, das auf peinliche Weise an den steinzeitlichen Cro-Magnon-Menschen denken lässt. Der Produzent des TV-Serie «Son of God», Jean Claude Bragard, meinte zu dem Resultat, es könne ein «Anstoß sein, erneut darüber nachzudenken, wie Jesus ausgesehen haben könnte».

Er dürfte wie ein Bettler ausgesehen haben, vermutet der amerikanische Bibelwissenschaftler John Dominic Crossan in seinem Werk «Der historische Jesus». Crossan zitiert eine lange Reihe von Worten, die Jesus nach Ansicht der Bibelforschung wirklich gesprochen hat. Sie vermitteln auch eine Vorstellung von seinem Aussehen.

Banale Rekonstruktion
Vergleichsweise banal erscheint es dagegen, von Jesu Gesicht ein Porträt mit Methoden der gerichtsmedizinischen Rekonstruktion zu erstellen. Für die Form musste bei der BBC ein Schädel aus einer Jerusalemer Begräbnisstätte des ersten Jahrhunderts herhalten. Für die Haar- und Barttracht waren Jesusfresken des 1. und 3. Jahrhunderts im Nordirak bestimmend, für die Hautfarbe das Klima jener Zeit. Kritiker fragen allerdings, ob das Computerprogramm beim Gesichtsausdruck überfordert war.

Unabhängig von allen Vorstellungen vom historischen Jesus ist das «Christus-Bild» vor allem auch Teil der Kunstgeschichte sowie der Glaubens- und Kirchengeschichte. Da ist Jesus etwa der triumphierende und herrschende Gott, aber auch der leidende Gottessohn und Schmerzensmann. In frühesten Darstellungen erscheint er als jugendlicher Held, ähnlich dem schönen Griechengott Apoll.
Vollkommen und schön
Seit der Mitte des zweiten Jahrtausends entspricht er oft auch dem Ideal der Renaissance vom vollkommenen und schönen Menschen. Berühmte Künstler des 20. Jahrhunderts verfremdeten die Darstellung bis hin zur Provokation. So schuf der Künstler Oskar Kokoschka ein Mosaik, das einen geradezu erschreckend einfältig aussehenden Jesus zeigt, der kaum in Verbindung zu bringen ist mit den von den Evangelisten überlieferten Reden vom Reich Gottes. Es gab heftige Reaktionen, als das Bild 1974 in der Hamburger Hauptkirche St. Nikolai angebracht wurde.
Das Grabtuch von Turin
Die Frage, wie Jesus wirklich ausgesehen hat, scheint neuerdings für immer mehr Menschen das so genannte Turiner Grabtuch zu beantworten. Wissenschaftliche Untersuchungen seit Ende der 70er Jahre haben gezeigt, dass dessen Abbild eines misshandelten und gekreuzigten Mannes keine Fälschung ist. Nicht bewiesen ist indessen, dass dieses Leinentuch wirklich den Leichnam Jesu eingehüllt hat.

In der Argumentation zu Gunsten dieser These werden zunehmend auch historische und kunsthistorische Indizien genannt. Manches spricht dafür, dass das eindrucksvolle Gesicht schon im ersten Jahrtausend Christus-Darstellungen entscheidend beeinflusst hat. Verwiesen wird auf Ikonen, Mosaikbilder und Münzen. Mitte des Jahrtausends ist das Tuch erstmals im damals syrischen Edessa (jetzt Urfa/Türkei) bezeugt. Von dort wurde es nach Konstantinopel gebracht. Über Frankreich gelangte es schließlich 1578 nach Turin. (nz/dpa)