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Ein Kilo Menschenverwandtschaft
21. Feb 2001 07:52

In dieses Gesicht hat bisher kaum ein Forscher geschaut: Der neue Wollmaki von Madagaskar.   Foto: nz
Madagaskar ist einer der wenigen Orte weltweit, wo auch heute noch regelmäßig neue Säugetierarten entdeckt werden. Ein naher Verwandter des Menschen ist der neueste Fund.
 
HANNOVER. Wissenschaftler haben in Madagaskar eine neue Primatenart entdeckt. Die Tiere sind etwa ein Kilogramm schwer, nachtaktiv und graubraun gefärbt. Der nachtaktive Wollmaki mit einem schlichten Fell kommt von der Westküste der Insel im Indischen Ozean. Thomas Geissmann von der Tierärztlichen Hochschule Hannover hat die neue Art anhand von Museumsexemplaren beschrieben. Die Forscher tauften das Tier auf den Namen Avahi unicolor, was sich mit «einfarbiger Wollmaki» übersetzen lässt. Er ist eine von jetzt drei Arten dieser Gattung. Avahi occidentalis ist schon seit längerem bekannt. Eine weitere Art hat bisher noch keinen Namen bekommen.

«Neu» und schon bedroht

Mehr in der Netzeitung: Neue Arten
Geissmann und sein Kollege Urs Thalmann vom Anthropologischen Institut der Universität Zürich kombinierten ihre Untersuchungen in den Museen mit Freilandbeobachtungen. «Bei der dritten Art, dem südlichen Wollmaki, sind wir sicher, dass es ihn gibt. Um ihn wissenschaftlich als Art beschreiben zu können, müssten wir allerdings ein Tier schießen. Und da liegt für uns die Grenze», sagte Geissmann am Dienstag der Netzeitung. Während die jetzt neu beschriebene Art in einem noch relativ unberührten Gebiet vermutet wird, sei Art Nummer drei auf ein kleines Areal beschränkt und durch Jagd, Brandrodung und Landwirtschaft gefährdet: «Die jagen und holzen dort, was das Zeug hält», so Geissmannn. Über die Ergebnisse berichten die beiden Schweizer in der jüngsten Ausgabe des «International Journal of Primatology».

Rote Liste

Geissmann ist insgesamt eher pessimistisch, was das Überleben der jetzt gefundenen Arten angeht. Die meisten seien akut vom Vordringen des Menschen bedroht. «Aber wenn die Art nicht bekannt ist, kann sie natürlich auch überhaupt nicht geschützt werden», sagt der Primatologe. Eine offizielle wissenschaftliche Beschreibung bewirkt zumindest, dass die Art in die Rote Liste der bedrohten Tierarten aufgenommen wird und dass Schutzmaßnahmen bei offiziellen Stellen beantragt werden können.

Nur auf Madagaskar

Wollmakis gehören zu den Lemuren. Diese Tiergruppe gibt es nur auf Madagaskar. Sie leben in kleinen Familiengruppen im Regenwald. Die Tiere ernähren sich vorwiegend von Blättern. Sie gehen nachts auf Nahrungssuche und bewegen sich dabei springend von Baum zu Baum vorwärts. Die Ordnung der Primaten («Herrentiere») umfasst hoch stehende Säugetiere mit den Unterordnungen Halbaffen und Affen. Im zoologischen System schließen Primaten auch die Menschen ein.

Wenig Gelder für klassische Systematik

Geissmann beschäftigt sich mit der Erforschung von Primaten und deren Einordnung in systematische Kategorien. Obwohl die Entdeckung einer neuen Art zum höchsten gehört, was ein Biologe erreichen kann, ist die klassische Systematik in den letzten Jahren durch molekularbiologisch-genetische Methoden zurückgedrängt worden. «Wir würden mehr Forschungsgelder bekommen, wenn wir auch genetisch arbeiten würden», sagt Geistmann, aber dafür müsste man Tiere töten oder sie zumindest einfangen. Dieses Risiko wollen die Forscher nicht eingehen. Die dritte, stark gefährdete Wollmaki-Art wird deshalb möglicherweise unbeschrieben bleiben.

Suche nach dem Schwarzschopf-Gibbon

Neben den Makis ist Geissmann vor allem einer vietnamesischen Gibbon-Art auf der Spur. Auf seinen nächsten beiden Forschungsreisen wird er versuchen, den Schwarzschopf-Gibbon auf dem Festland Vietnams ausfindig zu machen. Die extrem scheuen Tiere will er dort anhand ihrer charakteristischen Rufe identifizieren.





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