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Skandal von Amstetten: 

«Diesen Kindern wurde das Leben genommen»

29. Apr 2008 17:20
In diesem Haus in Amstetten hielt Josef F. seine Tochter 24 Jahr lang gefangen und zeugte mir ihr sieben Kinder
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Von dem Trauma wird wohl immer etwas zurückbleiben, dennoch gibt es für die Kinder von Amstetten Hoffnung, meint Michael Thiel. Michaela Duhr sprach mit dem Kinderpsychologen auch über das Hilfsangebot von Natascha Kampusch.

Netzeitung: Ein unfassbares Verbrechen: Ein 73-Jähriger hält seine Tochter fast ein Vierteljahrhundert gefangen und zeugt mir ihr sieben Kinder. Drei davon, zwei Söhne im Alter von 18 und 5 Jahren und eine Tochter im Alter von 19 Jahren, haben bis zu ihrer Befreiung noch nie das Tageslicht gesehen. Was passiert mit Kindern, wenn sie von Geburt an eingesperrt werden?

Michael Thiel: Das Gehirn eines Kindes, die geistige und körperliche Entwicklung, werden sehr stark von Reizen beeinflusst. Das Gehirn kann sich umso weniger entwickeln und vernetzen, je eingegrenzter und weniger vielfältig diese Reize sind. Man spricht dann von Reizarmut. Als die Kinder abends mit dem Auto in eine Klinik gefahren wurden, müssen sie mit einer unglaublichen Reizüberflutung gekämpft haben. So sollen die Lichter der entgegenkommenden Fahrzeuge sie verängstigt haben. Ungläubig reagierten sie wohl auch auf den Mond, den sie in dieser Nacht zum ersten Mal sahen.

Wenn die Kinder jetzt behandelt werden, muss eine ganz vorsichtige Reizdosierung stattfinden und zwar in jeder Hinsicht: optisch, akustisch, emotional. Es muss eine Nacherziehung in den Basisfunktionen des Körpers und der Psyche stattfinden.

Diesen Kindern wurde das Leben genommen: Nicht körperlich, sondern im psychologischen Sinne. Leben heißt auch, sich mit seiner Umwelt auseinanderzusetzen, zu kommunizieren, sich zu entdecken, sich auszuprobieren und Spaß zu haben, was in diesem Fall nur in einem extrem engen Rahmen möglich war.

Notwehrreaktion der Psyche

Netzeitung: 24 Jahre lang hat Elisabeth F. diese Martyrium ertragen. Warum glauben Sie hat sie sich nicht gewehrt oder versucht, ihren Vater gemeinsam mit den Kindern zu überwältigen?

Josef F.
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Thiel: Er hat seine Tochter seit ihrem elften Lebensjahr missbraucht und offenbar mit allen Mitteln und psychologischer Raffinesse gefügig gemacht. Bestimmt hat er ihr auch gedroht im Sinne von 'Wenn du dich wehrst, bringe ich deine Kinder oder dich um'.

Aber sicher spielte auch das so genannte Stockholm-Syndrom eine Rolle. Wenn man eine lange Zeit in einer aussichtslosen Situation aushalten muss, greift die Psyche zu einer Notwehrreaktion: Man solidarisiert sich ein Stück weit mit dem Aggressor, entdeckt womöglich Züge an ihm, die nicht nur abschreckend und furchtbar sind. Ohne diese Reaktion würden wir so etwas nicht überleben, wir würden im wahrsten Sinne dieses Wortes verrückt werden. Für die Kinder, die in diesen Zustand hineingeboren wurden, war dieses Leben allerdings in gewisser Weise Normalität.

Und drittens war die Familie mit Haut und Haaren von ihm abhängig, in ganz existentieller Weise. Er verfügte über eine unglaubliche Machtposition – wie ein Diktator.

Netzeitung: Werden die Kinder jemals ein normales Leben führen können?

Thiel: Es kommt vor allem darauf an, ob es gelingt, zu den Kindern eine vertrauensvolle Beziehung und Bindung aufzubauen, so dass sie sich öffnen können, um dann ganz behutsam in diese Welt eingeführt zu werden. Das ist therapeutisch eine extrem schwierige und fragile Aufgabe. Aber ich bin von Berufs wegen Optimist und denke, dass vor allem bei den jüngeren Kindern eine therapeutische Nacherziehung möglich ist. Die Kunst ist es, einen Kontakt zu ihnen aufzubauen, damit sie merken: Diese Welt ist freundlich, der Therapeut oder die Therapeutin meint es gut mit mir, niemand tut mir etwas.

In der Trauma-Therapie, die in solchen Fällen angewandt wird, geht es darum, dass die Opfer das Erlebte als Teil ihrer Vergangenheit einstufen. Dieser Schrecken, dieses Trauma muss so verarbeitet werden, dass es nicht ständig das tägliche Leben beeinflusst. Inwieweit die Kinder das Erlebte tatsächlich verarbeiten können, kann ich nicht beantworten. Sicherlich wird etwas zurückbleiben – vor allem bei den älteren.

Nur Profis sollten Hilfe leisten

Netzeitung: Natascha Kampusch, die ein ähnliches Schicksal erlebt hat, bietet den Opfern von Amstetten ihre Hilfe an. Ist das Ihrer Ansicht nach sinnvoll?

Thiel: Die Personen, die jetzt mit den Opfern in Kontakt treten, müssen Profis sein. Außerdem sollten es nur sehr wenige sein. Jemand der betroffen, aber nicht professionell ausgebildet ist, wäre zu diesem Zeitpunkt fehl am Platz. Für die Opfer wäre ein Kontakt zu Frau Kampusch im Moment nicht gut.

Netzeitung: Die Ehefrau des Rentners behauptet, dass sie von alldem nichts mitbekommen hat. Halten Sie das für glaubwürdig?

Thiel: Es gibt das psychologische Phänomen der Verdrängung: Die Ehefrau sieht nur das, was sie sehen will und alles andere blendet sie aus. Nach dem Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Ich kann mir dennoch nur sehr schwer vorstellen, dass sie nichts mitbekommen hat. Schließlich musste ihr Mann für sieben Menschen einkaufen: Lebensmittel, Babynahrung, Windeln, Kleider - da gehört schon viel dazu, all das auszublenden.

Netzeitung: Auch Freunden, Bekannten und Nachbarn ist in all den Jahren nichts Ungewöhnliches aufgefallen…

Thiel: Wir haben von den Menschen in unserem Umfeld ein bestimmtes Bild. An der Oberfläche sieht alles gut aus, aber der Rest wird ausgeblendet. Wenn wir dann etwas wahrnehmen, was so ungeheuerlich ist, tun wir dies womöglich als Hirngespinst ab. Und was noch hinzukommt: Wir müssten aktiv werden und Civilcourage an den Tag legen, sprich Anzeige erstatten und so weiter. Viele Menschen haben dazu einfach nicht den Mut.

Das Gespräch mit dem Hamburger Diplom-Psychologen Michael Thiel führte Michaela Duhr

 
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