Schwerelosigkeit für Wissenschaftler:
Forschen im «größten fliegenden Labor der Welt»
10.04.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Über dem Atlantik bei Brest bringt das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in dieser Woche zum zwölften Mal Wissenschaftler und ihre Experimente mit einem speziellen Airbus A300 Zero G in die Schwerelosigkeit. Bei der aktuellen Kampagne forschen 130 Wissenschaftler aus 16 Nationen mit Hilfe der Schwerelosigkeit in den Bereichen Biologie, Humanphysiologie, Physik und Materialforschung.
Dann drosselt der Pilot die Schubkraft der Turbinen und fliegt dabei eine Bahn, die einer Wurf-Parabel entspricht. Der Airbus befindet sich dabei mit seinen Passagieren und Experimenten im freien Fall, wobei für etwa 22 Sekunden Schwerelosigkeit herrscht.
Insgesamt stehen bei der zwölften Parabelflug-Kampagne an vier Flugtagen mehr als 40 Minuten Schwerelosigkeit zur Verfügung. Neben eigenständiger Forschung werden auch Experimente für die Internationale Raumstation ISS vorbereitet. So erforscht ein Team von der Charité Berlin den Einfluss von Schwerelosigkeit auf menschliche Zellen.
Forscher der Technischen Universität Braunschweig und der technischen Universität Glasgow wollen Vorgänge kennenlernen, die sich in den Ringen des Saturns abspielen. Der innere Teil der Saturnringe, die im Wesentlichen aus Eisbrocken unterschiedlicher Größe bestehen, rotiert schneller als der äußere.
Aufgrund dieser Geschwindigkeitsunterschiede stoßen die Ringpartikel häufig zusammen. Diese Stöße finden bei sehr geringen Geschwindigkeiten statt. Um genau zu verstehen, was dabei passiert, stellt das Team der Technischen Universität Braunschweig im Parabelflug solche Kollisionen im Miniaturformat nach.
Außerdem testet man Geräte für ihren Einsatz im Weltraum um sicherzugehen, dass sie auch in Schwerelosigkeit einwandfrei funktionieren. Die DLR Raumfahrt-Agentur veranstaltet seit 1999 jährlich ein bis zwei Parabelflug-Kampagnen. Die daran beteiligten Wissenschaftler haben bisher weit über 200 Versuche durchgeführt; insgesamt waren fast 30 Tonnen Experimentiergerät an Bord.
An schwebend geschmolzenen Metalltropfen konnten grundsätzliche Erkenntnisse über Erstarrungsvorgänge erzielt werden. Neue Ergebnisse erweitern das Verständnis von frühen Prozessen bei der Bildung von Himmelskörpern. Und den Wissenschaftlern wird eine einzigartige Forschungsplattform zur Verfügung gestellt. (Oliver Multhaup, AP)

