09.04.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Aufmerksamkeit ist gefragt
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Im US-amerikanischen College-Alltag ist «Vitamin R» üblich, und auch hierzulande ist Ritalin als Lernhilfe kein Geheimtipp mehr. Was im Sport verpönt ist, scheint im Wissenschaftsbetrieb akzeptiert.
Ursprünglich wurden Medikamente wie Ritalin für Patienten mit Alzheimer-Krankheit, Aufmerksamkeitsstörungen oder Depressionen entwickelt. Gesunde erhoffen sich davon eine Steigerung der Reaktionsfähigkeit und eventuell auch die Verbesserung des Gedächtnisses - «Neuro-Enhancement» nennt die US-Pharmaindustrie das. Vor allem unter Wissenschaftlern scheint sich kaum jemand an diesen Leistungsverstärkern zu stören, wie eine Umfrage des renommierten Wissenschaftsmagazins
Nature ergeben hat.
Im Januar hatte das Magazin seine Leser gefragt, wie sie es mit Medikamenten halten, die die Aufmerksamkeit und Wahrnehmung stärken. Die Leserumfrage fand nach Angaben von
Nature ein starkes Echo mit überraschenden Einblicken in die westliche Wissenschaftskultur: So gab jeder fünfte Umfrageteilnehmer an, schon einmal ein Medikament zur geistigen Leistungssteigerung eingenommen zu haben.
Das beliebteste Dopingmittel fürs Akademikerhirn ist der Umfrage nach die in den USA weit verbreitete «Lernhilfe» Ritalin. Das Medikament wirkt stimulierend und wird hauptsächlich beim Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADS eingesetzt. In Deutschland unterliegt die Arznei dem Betäubungsmittelgesetz und damit einer besonderen Verschreibungspflicht. Weit vorn in der Gunst der
Nature-Leser sind auch der aufputschende Wirkstoff Modafinil eigentlich ein Mittel zur Behandlung der sehr seltenen Schlafkrankheit Narkolepsie - und blutdrucksenkende Betablocker, die durch ihre hemmende Wirkung auf Stresshormone auch Ängste reduzieren.
Vier Fünftel der Umfrageteilnehmer sind zudem der Ansicht, dass es gesunden Erwachsenen erlaubt werden sollte, diese Medikamente zu nehmen.
70 Prozent der Teilnehmer würden die Medikamente auch selbst benutzen. Das Magazin zitiert einen anonymen Umfrageteilnehmer aus den USA: «Als Profi ist es meine Pflicht, all meine Resourcen zum größten Vorteil der Menschheit zu nutzen. Wenn die 'Enhancer' dazu beitragen, ist es meine Pflicht, sie zu nehmen.»
Bezeichnenderweise, so schreibt das Magazin, finden die meisten Umfrageteilnehmer, dass Kinder vor diesen Medikamenten geschützt werden müssten, wobei ein Drittel zugab, auch den eigenen Sprösslingen das Medikament geben zu wollen, falls andere Kinder in der Klasse es nähmen.
Obwohl hierzulande wohl nicht in diesem Ausmaß die geistige Leitung im universitären Bereich gesteigert wird, sind «Enhancer» in einschlägigen Internetforen schon seit einigen Jahren Thema.
Besonders Medizin- und Jurastudenten scheinen Bedarf zu haben. Offizielle Zahlen gibt es freilich nicht. Nach einer von der Techniker Krankenkasse veröffentlichten Statistik ist allerdings jedes zehnte für Studenten verschriebene Medikament ein Psychopharmakon. (nz)