Naturschutzprojekt in den Alpen:
Brunos Vettern sind «spurlos verschwunden»
01. Apr 2008 12:25
 |  Bruno ist mittlerweile ausgestopft | Foto: dpa |
|
Es schien lange, als könnte es gelingen, den Braunbären wieder in Österreich anzusiedeln. Jetzt aber sind die Verwandten des «Problembären» vom Aussterben bedroht.
Naturschützer schlagen Alarm: In den nördlichen Kalkalpen droht dem vielleicht ehrgeizigsten Projekt der Organisation in der Alpenrepublik das Ende. Der vor über drei Jahrzehnten begonnene Versuch, den Braunbären in seinem früheren Lebensraum wieder anzusiedeln, könnte scheitern, warnten Experten der Umweltorganisation World Wide Fund for Nature (WWF) vor wenigen Tagen. Ursus arctos, der europäische Braunbär, ist hier zum zweiten Mal vom Aussterben bedroht. Vor 150 Jahren war er das erste Mal in dem Alpenland von der Bildfläche verschwunden.
Wenn die intensiven Nachforschungen der WWF-Biologen und des Forschungsinstituts für Wildtierkunde der Universität Wien (FIWI) zutreffen, dann leben in den zwei großen Siedlungsräumen des Landes zurzeit nur noch zwei der zuletzt auf 35 Tiere angewachsenen Bären- Kolonie. Die übrigen Tiere, so stellten die Experten Ende Februar fest, seien «spurlos verschwunden». «Gegenwärtig haben wir nur noch von zwei männlichen Bären gesicherte DNA-Spuren» räumt Christoph Walder, Leiter des WWF-Bärenprojekts, in Innsbruck ein.
Wiederansiedlung beginnt Anfang der Siebziger
Die Geschichte der Wiederansiedlung von Bären in Österreich begann bereits in den frühen siebziger Jahren. Das Projekt Braunbär entwickelte sich zunächst prächtig. Doch 1994 musste das Programm vorübergehend gestoppt werden, weil die Schäden durch die wandernden Tiere überhandnahmen. «Seinerzeit lagen die Schäden bei umgerechnet 70.000 Euro», beklagt Beate Striebel, Artenschutzexpertin vom Bärenprojekt des WWF. Doch trotz des schnellen Schadensersatzes durch die Behörden wuchs der Unmut in der Bevölkerung. In der Folge gaben die Behörden erstmals die Genehmigung zum Abschuss von zwei männlichen Tieren: Nurmi und Grünau. Ein Bär wurde - ähnlich wie Bruno - wegen seiner Zerstörungsorgien auf Anordnung der Behörden gezielt getötet, der zweite - so heißt es - in Notwehr.Daraufhin legte der WWF eine Denkpause ein. Man entwickelte einen Plan zum «Bärenmanagement», um Spielregeln für den Umgang mit Problembären zu schaffen. «Für eine gelungene Wiederansiedlung braucht man nicht nur den Lebensraum, sondern die volle Unterstützung der Bevölkerung und die Hilfe der Jäger», erklärt Striebel. Bären sind von Haus aus wegen ihrer körperlichen Behäbigkeit tapsige und schlechte Jäger. Dafür sind sie viel zu langsam.
Bärenplan des WWF
1995 liegt dann der erste Bärenplan des WWF vor. Mit Unterstützung der Umweltbehörden wird das Konzept umgesetzt, werden Bärenanwälte ernannt und eine «Eingreiftruppe» aus Experten, Biologen und Förstern eingesetzt. Drei Bärenanwälte übernehmen «eine Mittlerrolle zwischen Tier und Mensch», erzählt Beate Striebel. Insgesamt arbeitet heute in Österreich ein knappes Dutzend freiwilliger und hauptamtlicher Helfer in dem Projekt.Dass ein solches Bärenmanagement durchaus erfolgreich sein kann, zeigen Projekte in Italien und Spanien, aber auch in Rumänien, Slowenien und in der Slowakei, wo bei zum Teil deutlich kleineren Bevölkerungszahlen das Zigfache der österreichischen Bärenpopulation lebt. Allein in Slowenien gibt es nach zuverlässigen Schätzungen etwa 500 Tiere. Dabei gehen die einzelnen Länder durchaus unterschiedlich vor. So arbeiten im Trentino, woher auch der unglückliche «Problembär» Bruno stammte, Berufsförster als Bärenmanager. In Österreich sind es meist Biologen.
Ernüchterung und Bruno-Eklat
Auch in der Alpenrepublik läuft zunächst alles nach Plan. Doch dann kommt die Ernüchterung. Vor zwei Jahren spricht der WWF nur noch von 20 Tieren in den drei Bären-Siedlungsgebieten. Gleichzeitig kommt es zum Bruno-Eklat. Der aus Italien stammende Braunbär erregt durch seine Streifzüge nach Bayern weltweit Aufsehen und wird angesichts der fast exzessiven medialen Beleuchtung zum Volkshelden. Der Abschuss von JJ-Uno alias Bruno, der - nach den Regeln des 2005 überarbeiteten Bärenmanagements - mit Zustimmung des WWF erfolgt, löst vor allem in Bayern, aber auch in Österreich Entrüstung aus und schadet dem Image der Tierschützer. Doch es kommt noch schlimmer: Wenige Wochen später müssen die im Bärenprojekt arbeitenden Wissenschaftler eingestehen, dass mit Brunos österreichischen Vettern etwas nicht stimmt. Vor Journalisten gestehen die Projektleiter: Von den ursprünglich 35 Tieren sind bestenfalls noch 20 am Leben. Von vielen Tieren, insbesondere dem Nachwuchs, fehlt plötzlich jede Spur.
«Die Lage ist dramatisch»
Spätestens seit Ende 2007 wissen die Artenschützer, dass Meister Petz in der Alpenrepublik akut vom Aussterben bedroht ist. Im Januar stellt der WWF nach Gentests fest: «Nur noch zwei Bären sind am Leben.»«Ja, die Lage ist wirklich dramatisch», sagt Bärenanwalt Walder. «Im Prinzip wissen wir seit zwei, drei Jahren, dass etwas nicht stimmt. Doch inzwischen sind wir uns leider sicher.» Wissenschaftler benennen mehrere Möglichkeiten für den unerklärlichen Schwund: «Das ist einmal die Abwanderung der Tiere etwa durch Nahrungsmittelmangel, dann die natürliche Sterblichkeit und schließlich die «illegale Entnahme».» Eine freundliche Umschreibung für das Wildern.
Österreichs überaus zahlreiche Jägerschaft wies diesen Vorwürfe 2007 empört zurück. «Wie man einen Bären schießen und wegschaffen will, ohne dass es bemerkt wird, muss man mir erst zeigen», reagierte Peter Lebersorger, Chef des Landesjagdverbands Niederösterreich, noch 2007 unwirsch auf entsprechende Vorwürfe. Gerade Berufsjäger hätten ein viel offeneres Herz für die Bären. Das mag so sein, doch dann entdeckte die Polizei im Haus eines Hobbyjägers das schlecht präparierte Fell eines Jungbären, der eindeutig aus dem lokalen Bestand stammte.
Bis die genaue Ursache des Verschwindens gleich mehrerer Bärengenerationen geklärt ist, wollen die Artenschützer nun erst einmal keinen Versuch unternehmen, die Wiederansiedlung zu forcieren. (Christian Fürst, dpa)