Holzklotz-Drama von Oldenburg: Was Menschen zum Werfen treibt27. Mrz 2008 13:54  |  Der Holzklotz, durch den Olga K. starb
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Der Alltag zeigt es: Der Mensch neigt allgemein dazu. Doch das Abwägen der Folgen macht den Unterschied, wie Tilman Steffen berichtet. Das beweist der Fall des Holzklotz-Werfers, der eine zweifache Mutter tötete.
Den Beweis zu erbringen, ist nicht schwer. Wer mit einem Kleinkind entlang eines Gewässers spazieren geht, erlebt es: Der Spross wird alsbald nach Steinen oder Stöcken suchen, um sie ins Wasser zu schleudern. Es ist die Freude am Versuch, die Erwartung, was passiert, die auch Erwachsene nach Herumliegendem suchen lässt, um es im mehr oder minder großen Bogen der Schwerkraft auszusetzen.
Nun starb am Ostersonntag auf der Autobahn A29 bei Oldenburg in Niedersachsen eine zweifache Mutter – vor den Augen ihrer Kinder – in einem fahrenden BMW, weil ein bislang Unbekannter gegen 20 Uhr einen sechs Kilo schweren Holzklotz von einer Brücke warf. Die Polizei befragt derzeit 400 Menschen, meist Besucher umliegender Osterfeuer, die am Tatabend in der Nähe der Brücke stattfanden. 6000 Euro Belohnung sind auf Hinweise ausgesetzt. Der Hang des Menschen zum Werfen kann keine Entschuldigung oder Entlastung des Täters sein. Denn bei ungetrübtem Bewusstsein kommt keiner auf die Idee, Sicherheit und Leben anderer in diesem Maße zu gefährden. Es hilft nur, zu verdeutlichen, warum es immer wieder passiert. Es erklärt, warum besonders um Autobahnbrücken herum Müll liegt, warum in Brunnen Münzen liegen, warum Wanderer über Abhänge oder an Steinbrüchen Steine in die Tiefe rollen lassen, warum Skiwanderer bewusst Lawinen lostreten. Sie alle wissen, dass ihr Handeln töten könnte, und trotzdem tun sie es.
Was geschah nach der Tat? Aus Expertensicht ist das Werfen ein normales Verhalten: «Bei der Apfelernte etwa ist das zu beobachten, wer oben sitzt, wirft auch gern mal einen herunter», sagt der Münchener Kriminalpsychologe Georg Sieber. «Es bekommt nur seine Dramatik dadurch, dass dieses Verhalten in ganz wenigen Fällen überhaupt zu einer Folge führt.» So wie in Oldenburg.
 |  Die A29, Tage nach der Tat | Foto: AP |
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Was geschah nach der Tat auf der Brücke? Bemerkte der Täter überhaupt, was er anrichtete oder war er benebelt vom Osterfeuer-Bier, hatte sich gar an diesem kalten Ostersonntagabend mit hartem Alkohol aufgewärmt? Ging er einfach seiner Wege, ohne zu bemerken, dass Dutzende Meter hinter der Brücke plötzlich ein Auto zum Stehen kam? Bemerkte er es später, als er von der Fahndung der eingesetzten Sonderkommission «Brücke» hörte, von der ausgesetzten Belohnung? Was tut sich dann im Hirn eines Menschen, der so etwas getan hat und dem die Folgen später klar werden? Wie stark belastet dies sein Gewissen? Stellt er sich der Polizei, offenbart er sich einer Vertrauensperson?
Täter sind meist die Doofen «Der idealtypische Täter handelte nüchtern, er hat bewusst gehandelt und gesehen, dass etwas passiert ist», erläutert Sieber. Ein solcher Täter stelle sich auch. In der Realität war der Täter von Oldenburg jedoch mindestens leicht betrunken, schätzt der Experte. Alkohol hatte die Hemmschwelle, auch einen schweren Klotz über das Geländer zu hieven, wohl gesenkt. «Er kam vielleicht von einem der umliegenden Osterfeuer, er hat den Klotz einfach herunter geworfen und ist seines Weges gegangen», schätzt Sieber. Er entwickelte kein Bewusstsein für die Folgen, und somit auch kein schlechtes Gewissen. Entsprechend gering sei die Chance, dass er sich meldet.«Dies würde Intelligenz und ein gewisses ethisches Grundgerüst erfordern», sagt der Experte. Doch selbst wenn er es im Nachhinein mitbekommen haben sollte, werde sich der Klotzwerfer die Sache kleinreden. «Die Täter sind meist die Doofen, die sich einreden, nichts dafür zu können, die sich sagen, das habe ich nicht kommen sehen.»
FORUM: Werfen – ein Reflex? Was treibt Steinwerfer und andere Täter an, Leben zu gefährden? Leichtsinn, eine Absicht oder Gedankenlosigkeit? Was sind ihre Erfahrungen und Vermutungen?- » Diskutieren Sie mit!
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Die meisten Werfer handeln gedankenlos und ohne Tötungsabsicht, wenn sie ihren Reflexen folgen. Denn trotz extremer Fälle wie dem von Oldenburg ist die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Tun tatsächlich andere das Leben kostet, außerordentlich gering. Das macht es leicht, am Rand des Abgrundes Steine zu werfen oder eben auch Dinge von der Straßenbrücke. Von Autobahnbrücken fliege eine Menge Zeug herunter, sagt Sieber. Es landet auf der Fahrbahn, auf Lastwagenplanen und irgendwann am Straßenrand. «Extrem selten sterben durch solche Würfe Menschen.»Es gibt Berichte über weitere Würfe. Die Handelnden sind die so genannten Nachahmungstäter, die meist aber gar nichts nachahmen, sondern einfach nur wegen einer furchtbaren vorangegangenen Tat in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gelangen. Politisch Verantwortliche verlangen reflexhaft nach Videoüberwachung auf Autobahnbrücken oder nach harten Strafen. Sieber will das Werfen an sich unterbinden. «Man könnte genauso dafür sorgen, dass von einer Brücke nichts geworfen werden kann, indem man eine Glaswand hochzieht oder Fangnetze auf baut.» Jedoch solle man überlegen, ob das Geld dafür nicht an anderen wichtigen Stellen ausgegeben wird, an denen statistisch gesehen wesentlich mehr Menschen stürben: An schwer einsehbaren Autobahnauffahrten oder -ausfahrten, die in Kurven liegen.
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