08. Mrz 2008 14:21
Nach dem Labormodul «Columbus» startet am Sonntag ein weiterer Europäer zur Raumstation ISS: Der unbemannte Transporter «Jules Verne» ist laut Esa «das große Ding» in den nächsten Jahren.
Nach zwölf Jahren Entwicklungsarbeit und mehreren verschobenen Starts beginnt am Sonntag ein weiterer Meilenstein europäischer Raumfahrt: Mit dem Transporter «Jule Verne» startet die erste rein europäische Mission zur Internationalen Raumstation ISS. Planmäßig um 4.54 Uhr Mitteleuropäischer Zeit soll der Frachter mit einer Trägerrakete vom Type Ariane 5 vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou abheben. Hauptaufgabe des «Automatik Transport Vehicle» (ATV) ist die Versorgung der ISS-Besatzung. An Bord sind rund sechs Tonnen Wasser, Nahrung, Treibstoff und Experimentieranlagen. Ein Crewmitglied braucht jährlich 5,3 Tonnen flüssigen, gasförmigen und festen Nachschub um auf der Weltraumstation zu überleben. Wasser nimmt dabei den größten Posten ein. Für die momentan dreiköpfige Besatzung der ISS beträgt der Jahresbedarf aller Nachschubgüter etwa 16 Tonnen.
Die Versorgung der Crewmitglieder ist aber nicht die einzige Aufgabe des Transporters. Nach dem Andocken dient «Jules Verne» den Astronauten als Speisekammer, Abstellraum und auch als Sprungfeder: Die Triebwerke des ATV schieben die Raumstation um bis zu 30 Kilometer in die Höhe. Das ist nötig, weil sich die ISS an der Restatmosphäre reibt und täglich 200 Meter in Richtung Erde sinkt. Bis August wird «Jules Verne» dann mit rund sechs Tonnen Müll beladen und zur Erde zurückgeschickt, wo er in der Atmosphäre verglühen wird: der komlizierteste und teuerste «Müllschlucker» der Welt. 1,3 Milliarden Euro kostete die Esa der neue Weltraumfrachter, der maßgeblich bei EADS Astrium in Bremen entwickelt und gebaut wurde. Hier entstand auch das Weltraumlabor «Columbus». Das Modul dockte im Januar an die ISS an und hat inzwischen seine Arbeit aufgenommen.
Gemeinsam mit «Columbus» steht der ATV-Transporter für die Emanzipation der europäischen Raumfahrt. «Das ist ein historischer Schritt, der unsere Unabhängigkeit von den USA und Russland zeigt», sagte Esa-Manager Alan Thirkettle in Paris. Der europäische ISS-Verantwortliche sieht im ATV «das große Ding» der Esa in den kommenden Jahren. Wenn nach 2011 die US-Spaceshuttle nicht mehr fliegen, werden die ESA-Transporter die wichtigsten Versorger für die Raumstation sein. Sie können dreimal soviel Fracht befördern wie die russischen Progresstransporter, die ebenfalls die ISS versorgen.Nach Angabe der Esa sind bisher vier Nachfolger der «Jules Vernes» bestellt, die bis 2014 jeweils neun Tonnen Nachschub zur ISS bringen sollen. Die Raumfahrtagentur hält aber auch Nachbestellungen aus den USA für möglich, wenn die führende Nation in der Weltraumforschung ihre Raumfähren einmottet.
Dafür muss am Sonntag aber erstmal alles gut gehen. Den Flug zur ISS, die in einer Höhe von rund 400 Kilometern um die Erde kreist, überwacht das Kontrollzentrum im französischen Toulouse. Mindestens sechs Tage dauert die Reise, je nach Position der Raumstation auch länger. Was dann folgt, beschreibt Programm-Manager John Ellwood als einen «anmutigen Tanz eines verliebten Paares»: Sehr langsam wird sich der Transporter der Raumstation nähern, automatisch gesteuert von Radar, Lasersensoren und Satellitendaten. Die Besatzung der ISS kann den Anflug des weißen Raumtransporters vom Fenster aus nur beobachten, nicht aber steuern: Im Fall eines drohenden Zusammenstoßes gibt es lediglich einen roten Knopf, der ein automatisches Abstandsmanöver einleitet.
Die Welt blickt diesmal also nicht nach Cape Canaveral sondern zum europäischen Weltraumbahnhof Kourou. Und auch aus dem All wird die Besatzung der ISS gespannt verfolgen, ob ihre fliegende Speisekammer den Weg in die Schwerelosigkeit schafft. (dpa)
Animation der ATV-Mission. Quelle: Esa