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Genomanalyse per Internet: 

Privater Gen-Check mündet in Alptraum

23. Jan 2008 15:13
SF-Film Gattaca: Zeig mir deine Gene
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Mit Google-Power ist in Deutschland der Dienstleister 23andme gestartet, der Genanalysen via Internet anbietet. Gen-Protze werden sich künftig bei Facebook und Co präsentieren, befürchtet Daniel Kählert.

Mit dem Start des Internetdienstes 23andme ist die Humangenetik endgültig nicht mehr nur ein Thema für Wissenschaftler, sondern beim Verbraucher angekommen. Für knapp 1000 Dollar können Interessierte per Speichelprobe bei dem Dienstleister ihre Gene in Sequenzen aufschlüsseln und analysieren lassen. Erinnerungen an den Sciencefiction-Film «Gattaca» aus dem Jahre 1997 werden wach, bei dem per genetischem Schnelltest an einer Art Kiosk das Genmaterial eines potenziellen Sexualpartners gestestet werden konnte.

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23andme ist nicht der erste Anbieter eines solchen Services, aber dank der Stärke des Suchmaschinenbetreibers Google sicher der mächtigste. Einen Teil des Geldes und der Technik für das Unternehmen stellt Google zur Verfügung, dessen Mitbegründer Sergej Brin mit der Gründerin des Unternehmens, Anne Wojcicki, liiert ist. Neben Wojcicki stehen die Biotech-Unternehmerin Linda Avay und die Journalistin Esther Dyson für 23andme. Der Firmenname bezieht sich auf die 23 Chromosomenpaare, die ein Mensch besitzt.

Die von dem Internetdienst aufgeschlüsselte Gen-Information können die Nutzer mit internationalen Datenbanken abgleichen, um so etwa der eigenen Herkunft oder Verwandtschaft auf die Spur zu kommen. Meldet sich die ganze Familie für einen Test an, der pro Person bezahlt werden muss, kann auch verglichen werden, wer sich in der Familie am ähnlichsten ist.

Stichwort: Genetik
1865 entdeckte Gregor Mendel grundlegende Gesetzmäßigkeiten bei der Verteilung von Erbanlagen auf die Nachkommen, die heute als Mendelsche Regeln bezeichnet werden. Er hatte Pflanzen der Gartenerbse miteinander gekreuzt und mittels statistischer Analyse mathematische Gesetzmäßigkeiten beobachtet. 1953 zeigten James Watson und Francis Crick, dass das Polymer DNS die genetische Information trägt und wie diese weitergegeben wird. Damit waren die Grundsteine für die Entschlüsselung des genetischen Codes gelegt.
Dabei wird allerdings bei weitem nicht das gesamte Genom analysiert, wie es der private Gen-Forscher Craig Venter tat. Venter hatte mit seiner Firma Celera jüngst sein eigenes Erbgut aufgeschlüsselt und öffentlich gemacht. Diese Sequenzierung war allerdings um mehr als das 100fache teuerer als das Angebot von 23andme. Der Internetanbieter dagegen bearbeitet nach eigenen Angaben lediglich 600.000 Punkte des Genoms, die auch Erkenntnisse über die genetische Veranlagung zu bestimmten Krankheiten wie Diabetes oder das Risiko eines Herzinfarktes wiedergeben sollen.

Die Frage nach der geographisch-genetischen Herkunft und Verwandtschaft kann dabei - abgesehen von illegalen Vaterschaftstests - als teure Spielerei bewertet werden. Die Frage nach der genetischen Veranlagung auf bestimmte Krankheiten wiegt da schon schwerer. Venter hatte, nach eigener Aussage, nach der Entschlüsselung seines Genoms angefangen, Cholesterinsenker zu nehmen, weil sein genetischer Code ihm verraten hatte, dass er eine Anlage für schwere Herzprobleme habe. Die Kenntnis der genetischen Risiken gebe die Macht, ihnen gegenzusteuern, sagte Venter.

Daten & Fakten: Genom

Das menschliche Genom besteht aus rund 3,08 Milliarden Basenpaaren, die auf 23 Chromosomenpaaren angeordnet sind. 2,88 Milliarden Basenpaare sind über das öffentlich finanzierte Humangenomprojekt bislang analysiert und über frei zugängliche Datenbanken abrufbar. Insgesamt sind bislang etwa 1500 "Krankheitsgene" identifiziert.

Nicht wenige Mediziner warnen aber vor dem genetischen Selbsttest. Das Genom sei zu komplex, um daraus einfache Schlüsse zu ziehen, meinen die Kritiker. Manche Testergebnisse verleiten die Benutzer gar zu falschen Schlüssen, die im Zweifel weitreichende psychische Konsequenzen bis hin zu Selbstmordgedanken haben könnten.

Der Start dieses von Google finanzierten Dienstleisters wirft allerdings vor allem ethische Fragen auf. In einer Zeit überflutender Information durch digitale Vernetzung muss der Mensch sich nun auch noch mit der ureigensten inneren Information auseinandersetzen und bekommt die Möglichkeit, diese offenzulegen. Es darf schon spekuliert werden, wann sich die ersten Gen-Protzer per Facebook oder Xing zusammenschließen oder abgrenzen.

Wenn sich ein riesiger Technologieapparat wie der Suchmaschinendienstleister Google den genetischen Code vornimmt, kann davon ausgegangen werden, dass dahinter ein riesiger Markt steckt und die Technologie rasant fortschreiten wird. Wahrscheinlich werden die Preise rapide sinken, und die Technologie könnte dann auch für Versicherungen und Behörden interessant werden. Was spricht dann noch gegen eine auf die genetische Risikoveranlagung zugeschnittene Krankenversicherung, bei der jemand mit weniger schädlichen Genmutationen Rabatt auf die Beiträge erhält? Oder wie wäre es mit vorbeugender Beobachtung von Personen mit genetischer Veranlagung zu Sucht und Alkoholismus?

Fakt ist, 23andme wird eine weitere große Datensammelmaschine. Den drei Gründerinnen geht es dabei aber, neben dem Geld natürlich, darum, der Menschheit einen Dienst zu erweisen. Die gesammelten Gen-Daten könnten anonymisiert als Forschungsmaterial dienen, schwärmten die Gründerinnen bei der Vorstellung des Projektes auf der Konferenz «Digital Life Design» (DLD) am Montag in München. Es seien auch kostenfreie Kooperationen mit Selbsthilfegruppen geplant, damit auch Genmaterial von Menschen verwendet werden könne, die sich den Test nicht leisten können.

Mehr im Internet:
Bei «Gattaca» wurde die Menschheit nach der Qualität ihres Erbgutes sortiert. Menschen mit Anlagen für Herzerkrankungen und Kurzsichtigkeit waren nur noch zweite Wahl. Dem genoptimierten Designerbaby gehörte dagegen die Zukunft. Mit dem Aktivisten gegen die Volkszählung in den 1980er Jahren der BRD kann da nur den Gen-Datensammlern zugerufen werden: «Mein Gencode gehört mir!»
 
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