18. Jan 2008 14:45
Die Windkraft als Antrieb in der Handelsschifffahrt feiert ihr Comeback. Mit Drachensegeln wollen Reeder bis zu 20 Prozent Treibstoff sparen.
Dennoch gibt es an Bord der 132 Meter langen «Beluga SkySails» um 16.55 Uhr eine Weltpremiere. Bei 53 Grad 42 Minuten nördlicher Breite und 8 Grad 18 Minuten östlicher Länge, rund 30 Kilometer von Bremerhaven entfernt, entfaltet sich über dem Bug des Frachters ein frei fliegender Zugdrachen. Er steigt an seinem Kunststoff-Halteseil zügig auf die Arbeitshöhe von 250 Metern. Seine Zugkraft erreicht drei Tonnen. Die Schiffsgeschwindigkeit liegt bei 3,5 Knoten. «Damit zieht jetzt überwiegend der Kite den Dampfer», stellt Stephan Brabeck, Geschäftsführer Technik beim Hamburger Drachenkonstrukteur «SkySails», fest. Beluga-Kapitän Lutz Heldt nickt. Dann geht er seelenruhig seine Kaffeetasse abwaschen. Die Frage, ob er denn gespannt sei, hatte der Bremer Schiffsführer bereits vor Beginn des Flug-Manövers trocken und sparsam mit «gespannt nicht - ich bin überzeugt» beantwortet. Die neue Technik soll die Treibstoffkosten erheblich senken.
Dass der 160 Quadratmeter große, leicht gebogene Drachen bei der noch schwachen Windstärke 4 funktioniert, wissen die Beteiligten jetzt. Ob er auch bei Stärke 8 reibungslos aus seiner Höhle im Schiffsbug fährt und bei Orkan wieder hinein - das sollen die nächsten sechs Monate zeigen.
Bei vorausgegangenen Tests auf dem 80 Meter langen Laborschiff von «SkySails», der «Beaufort», habe das in Nord- und Ostsee bereits gut geklappt, sagt Brabeck. Seine Reifeprüfung müsse das System aber jetzt im Alltag der Berufsschifffahrt ablegen. Verliefen die bevorstehenden Transatlantikfahrten mit dem Beluga-Schiff gut, werde man auf «Stufe 2» schalten und die Drachenfläche auf 320 Quadratmeter verdoppeln. «Denn mit der jetzt installierten Fläche ist die «Beluga» unter ihren Möglichkeiten besegelt. Da gibt es noch Reserven fürs Spritsparen durch Windkraft.» Brabeck zeigt sich nicht ohne Grund optimistisch. «Wir haben bereits jetzt einige Reservierungen für 2009 mit geleisteten Anzahlungen», sagt er. Vor allem deutsche Reeder mit kleineren Einheiten wie etwa Küstenmotorschiffen stünden auf der Interessenten- Liste. Dramatisch steigende Treibstoffpreise machten das System immer attraktiver. Bei aller bereits entwickelten Spitzentechnologie stehe die Nutzung kostenloser Naturkraft mit Hilfe von Drachen jedoch erst am Anfang, ist sich Brabeck sicher. «Im Moment haben wir sozusagen das Trabi-Modell des Drachens. Der läuft zwar schon ganz gut. Aber in ein paar Jahren bauen wir sicher auch den Mercedes.» (Manfred Protze, dpa)