11.01.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Einem menschlichen Embryo wird eine Stammzelle entnommen
Foto: ACT
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die neue Methode, Stammzellen zu gewinnen, ohne den Embryo zu zerstören, sehen deutsche Wissenschaftler skeptisch. Das US-Team hatte schon einmal Forschungsergebnisse revidieren müssen.
Ein US-Forscherteam um den Wissenschaftler Robert Lanza hat nach eigenen Angaben menschliche embryonale Stammzellen gewonnen, ohne dass der Embryo dabei zerstört wird. Die Wissenschaftler von der US-Firma Advanced Cell Technologies (ACT) berichten im Fachjournal «Cell Stem Cell» (DOI: 10.1016/j.stem.2007.12.013) von der Technik.
Dazu entnahmen die Wissenschaftler 43 im Reagenzglas befruchteten Embryonen in einem sehr frühen Stadium jeweils eine oder zwei Zellen, sogenannte Blastomeren. Daraus gewannen sie insgesamt 5 Stammzelllinien. Die Stammzellen entwickelten sich im Labor in alle drei Keimblätter des Menschen. Die meisten Embryonen reiften bis zum sogenannten Blastozystenstadium und wurden dann von den Forschern eingefroren. Diese Technik wird auch für die sogenannte Präimplantationsdiagnostik bei Reagenzglasembryonen genutzt, ist in Deutschland aber durch das Embryonenschutzgesetz verboten.
Die Gruppe um Lanza war im Jahr 2006 für eine ähnliche Veröffentlichung in die Kritik geraten. Bereits die damalige Publikation hatte den Eindruck erweckt, Stammzellen seien zerstörungsfrei gewonnen worden, was aber nicht stimmte. Die Studie wurde auf die Kritik hin und wegen kleinerer Fehler später «ergänzt».
Auch jetzt stößt die Methode stößt auf Zurückhaltung bei deutschen Stammzellforschern. «Man kann nicht garantieren, dass die Prozedur den Embryo nicht schädigt», sagte Hans Schöler vom Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster. Schölers Münchner Kollege Wolfgang-Michael Franz sieht keinen großen praktischen Wert der Methode: «Welches Ehepaar würde seinen Embryo zur Verfügung stellen, um einzelne Blastomeren entnehmen zu lassen?», gab der Forscher von der Münchner Ludwig-Maximilians- Universität zu bedenken.
«Keine Relevanz»Der Bonner Stammzellforscher Oliver Brüstle ergänzte, «diese Befunde haben keine Relevanz für die momentane deutsche Situation. Der hier genutzte Eingriff, um die einzelnen Zellen zu gewinnen, ist in Deutschland nicht legal.»
Der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Stammzellforschung, Jürgen Hescheler von der Universität Köln sagte, «sie haben nicht gezeigt, dass sich ein Kind daraus entwickeln kann». Nach Heschelers Worten ist aber bei der neuen Studie vor allem die Effizienz der Stammzellgewinnung erhöht worden. Er bewertet das Verfahren zumindest als «sehr gute Quelle für menschliche embryonale Stammzellen».
Embryonale Stammzellen besitzen kurz nach Befruchtung der Eizelle die Fähigkeit, sich unendlich zu teilen und in jedes spezialisierte Gewebe des Körpers zu entwickeln. Diese Zellen werden auch als pluripotent bezeichnet. In der Medizin möchte man diese Eigenschaft nutzen, um kranke Zellen oder Gewebe zu ersetzen, etwa das zerstörte Rückenmark bei Querschnittgelähmten oder die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse bei Typ-1- Diabetikern. Da bisher der Embryo zur Gewinnung der Stammzellen zerstört werden muss, ist ihre Anwendung ethisch umstritten. Die Forschung an den Zellen ist in Deutschland nur unter strengen Auflagen erlaubt.
Ein Ausweg aus dem Konflikt sind so genannte adulte Stammzellen aus den Organismen erwachsener Menschen. Wissenschaftlern aus den USA und Japan ist es jüngst gelungen, diese so umzuprogrammieren, dass sie wieder die Eigenschaften der embryonalen Stammzellen annehmen. Diese Technik ist aber noch im Anfangsstadium. (nz/dpa)