Warum Strafe nötig ist05. Okt 2007 10:04  |  Jugendstrafvollzug | Foto: dpa |
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Jugendliche lassen sich mitunter erstaunlich wenig von Strafen abschrecken. Ihr Gehirn ist dafür noch nicht genügend entwickelt, vermuten Wissenschaftler.
Für das Funktionieren menschlicher Gesellschaften sind soziale Normen - wie Fairness, Kooperation oder Ehrlichkeit und Vertrauen - von zentraler Bedeutung. Strafe ist dabei ein probates Mittel der Sanktion, wenn sich ein Mitglied der Gesellschaft nicht an die üblichen Normen hält. Die meisten Menschen sind bereit, Normen einzuhalten, wenn dies die anderen ebenfalls tun. Daneben gibt es aber auch Menschen, die Normen nur einhalten, wenn sie durch Androhung einer Strafe von einer Normverletzung abgehalten werden.
Egoistische Impulse
Stichwort: fMRTDie fMRT ist ein bildgebendes Verfahren mit hoher räumlicher Auflösung zur Darstellung von aktivierten Strukturen im Inneren des Körpers. So können zum Beispiel funktionelle Zusammenhänge von Stoffwechselaktivitäten in bestimmten Hirnarealen dargestellt werden. |
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Drohende Strafe ist nötig, damit der Mensch seine egoistischen Impulse unterdrückt, sagen der Ulmer Psychiater Manfred Spitzer und der Züricher Wirtschaftswissenschaftler Ernst Fehr. Sie haben mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) untersucht, was sich im Gehirn der Menschen abspielt, wenn sie eine soziale Norm verletzen können, aber darauf gefasst sein müssen, dafür bestraft zu werden.Die Ergebnisse hat das Team in der aktuellen Ausgabe des Magazins Neuron (Vol 56, 185-196) veröffentlicht. Könnten Menschen ungestraft Normen verletzen, könnte auch die freiwillige Bereitschaft der anderen, Normen einzuhalten zusammenbrechen, weil diese Bereitschaft darauf beruht, dass sich jeder an die Norm hält. Es ist daher wichtig zu verstehen, wie sich die Strafandrohung auf soziales Verhalten auswirkt.
Spietheorie
Stichwort: UltimatumspielDas Ultimatumspiel findet vor allem in der Spieltheorie und in der experimentellen Wirtschaftsforschung Anwendung. In verschiedenen Variationen des Spiels wird untersucht, in welchem Maß der Mensch nur den sich aus dem Spielgegenstand ergebenden Nutzen maximiert und in welchem Maß der Mensch bei seinen Entscheidungen auch andere Interessen mit einbezieht, wie zum Beispiel die Pflege von Spielregeln, die ihm oder der Gemeinschaft nutzen. |
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Anhand einer abgewandelten Form des Ultimatumspiels wurde in dieser Studie die Bereitschaft untersucht, eine Fairnessnorm einzuhalten. Konkret ging es um die faire Aufteilung eines Geldbetrages zwischen zwei Teilnehmern - Person A konnte 100 Geldeinheiten zwischen sich und Person B aufteilen. Die Fairness verlangt hier, dass beide etwa gleich viel erhalten. In manchen Situationen konnte nun Person A den Geldbetrag aufteilen, ohne dass damit eine Strafe für unfaires Aufteilen verbunden war. In anderen Situationen musste Person A davon ausgehen, einen finanziellen Abzug im Falle unfairen Verhaltens zu bekommen.
Verarbeitung von Strafe
Droht der aufteilenden Person für unfaires Verhalten eine Strafe, wurden bei ihr im Frontalhirn, dem so genannten lateralen orbitofrontalen Kortex, Aktivitäten festgestellt. Ähnliche Aktivierungen wurden auch in anderen Studien zur Verarbeitung von Strafen gefunden. Außerdem wurde eine Hirnregion (rechter dorsolateraler präfrontaler Kortex) während der Strafandrohung aktiver, die wahrscheinlich auch daran beteiligt ist, egoistische Impulse zu unterdrücken. Am aktivsten wurden diese Hirnregionen bei jenen Personen, die sich ohne Strafandrohung besonders unfair verhielten, sich bei einer Strafandrohung aber eines Besseren besonnen haben.
Jugend schützt nicht vor Strafe «Menschen, die vor allem wegen der Strafandrohung die Fairnessnorm einhalten, müssen vermutlich ihre egoistischen Impulse stärker unterdrücken, was dann diese Region des Frontalhirns stärker aktiviert», schlussfolgert Fehr. Dieses Resultat erweiterte frühere Befunde, die zeigen, dass eher egoistische Entscheidungen gefällt werden, wenn diese Gehirnregion in ihrer Aktivität gehemmt wird, ergänzt der Verhaltensforscher.
Das Team vermutet, dass bei vielen Formen krankhaften Sozialverhaltens die in der Studie besonders aktiven Hirnregionen weniger stark entwickelt oder gar geschädigt sind. Auch scheint darin die Erklärung zu liegen, weshalb Jugendliche sich durch drohende Strafen oft erstaunlich wenig abschrecken lassen: Die betreffenden frontalen Hirnregionen sind erst nach der Adoleszenz – also etwa mit 24 Jahren - voll entwickelt. Studienleiter Spitzer sieht denn auch in diesem Punkt eine gesellschaftlich hoch relevante, weiterführende Fragestellung: «Es wäre spannend, mit diesem Experiment der Frage nachzugehen, ob Jugendliche auf Grund der Hirnentwicklung weniger gut in der Lage sind, auf Strafen adäquat zu reagieren.» (nz)
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