netzeitung.deSchimpansen sind eigennützige Ökonomen

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Kein Sinn für Fairness: Schimpansen (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Kein Sinn für Fairness: Schimpansen
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Beim Futter kennen Schimpansen keine Fairness. Selbst wenn sie von einem Artgenossen benachteiligt werden, nehmen sie, was sie bekommen können.

Schimpansen sind in ihrem Sozialverhalten dem Menschen sehr ähnlich. Sie helfen sich gegenseitig – sogar selbstlos, sie kennen Rache und benutzen gezielte Strategien zur Lösung eines Problems. Doch im Gegensatz zum Menschen nehmen sie beim Futter alles, was sie bekommen können – selbst wenn sie dabei auf ein unfaires Angebot eingehen müssen.

Sie handeln, um es mit den Wirtschaftswissenschaften zu sagen, als Homo oeconomicus, wie Leipziger Anthropologen in der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Science (Bd. 318, S. 107; DOI: 10.1126/science.1145850) berichten. Menschen dagegen tun dies nicht: Sie ächten unfaire Angebote, auch wenn sie dabei selbst auf einen Gewinn verzichten müssen.

Rosinen statt Geld
Die Wissenschaftler um Keith Jensen vom Leipziger Max-Planck- Institut für evolutionäre Anthropologie hatten eine Versuchsanordnung konstruiert, in der je zwei Schimpansen zusammenarbeiten mussten, um insgesamt zehn Rosinen zu erhalten. Nur wenn erst das eine und danach das andere Tier an einem Seil zog, gelangte je ein Futterschälchen in ihre Reichweite.

Die getrockneten Trauben waren in den einzelnen Versuchen unterschiedlich verteilt: Im zu ergatternden Schälchen des einen Affen lagen zwei, fünf, acht oder gar keine Rosine, in dem des anderen entsprechend acht, fünf, zwei oder zehn. Schimpansen können zwar nicht zählen, sind aber in der Lage, Mengenunterschiede einzuschätzen. Dabei arbeiteten die Tiere in fast allen Fällen zusammen - selbst dann, wenn die Rosinen sehr unfair verteilt waren. Lediglich bei keiner einzigen Traube im Schälchen verweigerte der betroffene Affe die Mitarbeit und ließ damit auch seinen Gefährten leer ausgehen.

Kein Abstrafen
Der Versuch stellte eine abgewandelte Form des so genannten Ultimatum-Spiels dar, einem der anerkanntesten Werkzeuge der experimentellen Wirtschaftswissenschaften. Mit Hilfe des Spiels prüfen Forscher, ob sich Menschen gemäß ökonomischer Modelle verhalten. Einem Probanden wird dabei eine Summe offeriert, die er mit einem zweiten Akteur nach eigenem Gutdünken teilen kann. Sein Mitspieler kann das jeweilige Angebot ablehnen. In diesem Fall bekommt keiner der beiden etwas.

Als Homo oeconomicus müsste der Empfänger traditionellen Wirtschaftsmodellen zufolge jeden auch noch so kleinen Betrag annehmen - ein bisschen Gewinn ist schließlich besser als keiner. So hatten sich die Affen verhalten. Versuche zeigten jedoch, dass der Gerechtigkeitssinn des Menschen häufig stärker ist. Liegen die Angebote unter 40 bis 50 Prozent der Gesamtsumme, verzichtet der Empfänger in den meisten Fällen - und straft damit seinen Mitspieler für dessen unfaires Verhalten.

Für Schimpansen seien Fairness und Gerechtigkeit dagegen nicht so wichtig, so lange es überhaupt etwas zu gewinnen gebe, schreiben die Forscher. Das Gespür für unfaire Angebote und die Bereitschaft, Kosten in Kauf zu nehmen, um ein solches Ansinnen abzustrafen, sei vermutlich ausschließlich dem Menschen eigen. (nz/dpa)