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Wie der Weltuntergang aussieht

27. Sep 2007 16:16
An einem Tag im September
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Die Katastrophe von Majak vor 50 Jahren war einer der schlimmsten Atomunfälle des 20. Jahrhunderts. Nur redet keiner darüber.

Es ist der 29. September 1957. Der Herbst beginnt, und doch ist der Sonntag in Osjorsk, etwa 100 Kilometer nordwestlich der Ural-Metropole Tscheljabinsk, sonnig und warm. Männer und Frauen genießen den freien Tag vor der nächsten harten Woche, Kinder baden im Fluss. Ein lauter Knall zerstört die Idylle. «Nach der Explosion erhob sich eine einen Kilometer hohe Säule von Rauch und Staub, der Staub flimmerte orange-rot und setzte sich auf Häusern und Menschen ab», erinnert sich ein Augenzeuge. Die Menschen ahnen noch nicht, dass es einer der schlimmsten Atomunfälle des 20. Jahrhunderts ist, was ihnen die Sicht nahm.

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Das Chemiekombinat Majak mit seiner Trabantenstadt Osjorsk war in den vierziger Jahren auf Befehl Stalins im Ural errichtet worden, um waffenfähiges Plutonium zu gewinnen. Das Ziel wurde bereits 1949 erreicht, als die Sowjetunion ihre erste Atombombe zündete. Bedenkenlos wurden radioaktive Abfälle in den Fluss geleitet. Die Bevölkerung wusste davon nichts. Da es nur wenige Brunnen gab, nutzten die meisten Bauern den Fluss nicht nur als Viehtränke, sondern auch zur Trinkwasserversorgung.

Die Abwässer mit der höchsten Radioaktivität lagerten immerhin in unterirdischen Betontanks. Die stark strahlenden Teilchen erzeugten enorme Energiemengen. Die Tanks mussten daher ständig gekühlt werden. Als ein Kühlsystem ausfiel, war die Katastrophe nur noch eine Frage der Zeit. Ein überspringender Funke löste dann die Explosion aus. 80 Tonnen Atommüll wurden mit einem Schlag freigesetzt.

Schneise der Verseuchung

«Etwa 20 Millionen Curie, halb soviel wie bei der Katastrophe von Tschernobyl, wurden ausgestoßen», erklärt der Atomexperte Wladimir Kusnezow. Eine radioaktive Wolke trieb eine regelrechte Schneise der Verseuchung mehrere hundert Kilometer weit in den Ural. Doch ein Eindämmen der Unglücksschäden setzte erst zehn Stunden später ein. Die örtliche Verwaltung wartete auf ein Signal aus Moskau.

Die Folgen waren katastrophal. Eine Fläche so groß wie Mecklenburg-Vorpommern wurde verseucht. Schon mehrere Monate nach dem Unglück wurde die Ärztin Nina Afonina in das Gebiet beordert. «Die Menschen in der verseuchten Zone wurden zusehends schwächer und starben, vor allem Kinder gingen ein», erinnerte sich Afonina in einem Interview mit der Wochenzeitschrift «AiF». Viele der kleinen Opfer konnten bereits nicht mehr aufstehen, sie hatten ihre Haare verloren und siechten dahin.

«Ich weiß jetzt, wie der Weltuntergang aussieht», erzählt die Ärztin weiter. «Es sind Dutzende blutende und sterbende Kinder, denen du kein bisschen helfen kannst.» Doch auch an ihr sind die Monate im Ural nicht spurlos vorübergegangen. Die krebskranke Frau ist inzwischen an den Rollstuhl gefesselt.

10.000 Menschen umgesiedelt

Ich weiß jetzt, wie der Weltuntergang aussieht
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Die Behörden hielten die Ursache der Seuche geheim. Zwar wurde den Anwohnern die Benutzung des Flusswassers untersagt, der Grund wurde ihnen aber nicht genannt. In Ermangelung einer Alternative setzten sich viele Bewohner über das Verbot hinweg - und wurden krank.

In den Jahren nach dem Unglück mussten rund 10.000 Menschen unziehen, 217 Ortschaften starben aus. Das gesamte Ausmaß der Katastrophe ist bis heute nicht bekannt. Erst 20 Jahre später tauchten die ersten Informationen darüber im Westen auf. Der aus der Sowjetunion ausgewiesene Biologe Schores Medwedjew machte sie in seinem Buch «Nuclear Disaster in the Urals» (Nuklearkatastrophe im Ural) publik und stieß auf Unglauben und Ablehnung. Erst 1989 gab die UdSSR zu, dass es den Unfall überhaupt gegeben hatte.

Bis heute genutzt

«Bis heute sterben Menschen in dem Gebiet an den Langzeitfolgen», berichtet Atomexperte Kusnezow. Majak wird bis heute von der russischen Atomwirtschaft genutzt. Dort wird Atombrennstoff vor allem für militärische Zwecke hergestellt und Atommüll verarbeitet.

Kusnezow bezweifelt, dass aus der Majak-Katastrophe gelernt wurde. Das letzte föderale Sicherheitsprogramm sei 2006 ausgelaufen. «Finanziert hat der Staat das Programm nur zu zwölf Prozent», berichtet er. Viele Kontrollen seien daher ausgefallen. (André Ballin, epd)


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