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Glück und Unglück ausgerechnet

25. Aug 2007 12:01
Viele fürchten sich vor dem Blitz, obwohl der nur selten einen Menschen trifft
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Die Chance, Opfer eines Terroranschlags zu werden, ist weitaus geringer als die Furcht davor. Wissenschaftler versuchen, den Zufall in den Griff zu bekommen und so irrationale Ängste abzubauen.

Menschen hoffen auf glückliche Zufälle – immer wieder ermutigt durch Berichte wie den über eine Frau im US-Bundesstaat Ohio, die aus einem gefundenen Zehn-Dollar-Schein einen Gewinn von einer Million machte. Die Tankstellenangestellte, eine verschuldete alleinerziehende Mutter, sah in dem Fund einen Wink des Schicksals, kaufte in ihrer Tankstelle das letzte Lotterielos und wurde so zur Millionärin. Noch mehr Menschen haben aber wohl Angst vor unglücklichen Zufällen. Etwa, dass gerade das Flugzeug abstürzt, in dem man eine Reise angetreten hat. Die Rolle des Zufalls ist jedenfalls ein Thema, das die Gedanken vieler Menschen beschäftigt.

Vom Blitz getroffen

Der Statistikprofessor Jeffrey S. Rosenthal von der Universität Toronto in Kanada will in einem jetzt auch in Deutsch vorliegenden Buch den Lesern sowohl unnötige Ängste vor dem Zufall wie auch illusionäre Hoffnungen auf ihn nehmen: «Vom Blitz getroffen. Die seltsame Welt des Zufalls» (Eichborn Verlag, Frankfurt/M, 315 S., 22,90 Euro).

Wer sich über die berechenbare Wahrscheinlichkeit bestimmter Ereignisse klar wird, dem ist das Glück der Frau in Ohio keine Ermutigung mit dem Lotteriespielen anzufangen. Entsprechendes gilt für Ängste. Berichte beispielsweise über Kindesentführungen erwecken bei vielen Menschen Bedrohungsängste, die unproportional zur Häufigkeit solcher Verbrechen sind.

Hilfe bei Terrorangst

Die Argumentation des Professors ist nicht neu. Aber sein Buch bietet eine ungewöhnliche Fülle von Beispielen für die praktische Anwendung von Wahrscheinlichkeitsüberlegungen und die Berechnung von Chancen und Risiken. Das reicht bis hin zur Beurteilung der Relevanz von Meinungsumfragen und auch Voraussagen, etwa von Wahlergebnissen. Es kann auch helfen, publizierte Beschreibungen gesundheitlicher Risiken kritisch zu bewerten. Es kann ebenfalls nützlich sein bei der Beurteilung von Darstellungen, die Politiker und Medien von Gefahren wie Terror- und anderen Gewaltakten seitens politischer oder religiöser Fanatiker geben.

Trotz des von Rosenthal und auch anderen Wissenschaftlern empfohlenen rationalen Umgangs mit dem Phänomen Zufall dürften nicht wenige Menschen an der Überzeugung oder zumindest dem Gefühl festhalten, dass der Zufall gleichzeitig geheimnisvolle wie sinnvolle Realität außerhalb der Wahrscheinlichkeit sein kann. Manche mögen auch Fälle wie das Glück der Frau in Ohio dazurechnen.

Der Weg des Zufalls

Die Auffassung, dass Zufälle sinnvoll sein können, wird meist in den Bereich des Aberglaubens verwiesen. Der Naturwissenschaftler Victor Mansfield aus New York findet das verständlich - denn «eine nichtkausale Sinnbeziehung zwischen der Welt und meiner Psyche, bei der weder das äußere Ereignis den psychischen Zustand verursachte noch der psychische Zustand das äußere Ereignis, ist sehr schwer zu verstehen, und nur zögernd wollen wir ihr Realität oder Authentizität zugestehen», heißt es in seinem Buch «Tao des Zufalls. Philosophie, Physik und Synchronizität» (1998).

Tao (Weg, Bahn), der zentrale Begriff der mehr als 2000 Jahre alten chinesischen religiös-philosophischen Sprüchesammlung «Taoteking», hat in der westlichen Welt in den vergangenen Jahrzehnten mit unterschiedlichen Deutungen eine mächtige Neubelebung erfahren. Dem so genannten Taoimus geht es um eine Harmonie zwischen Mensch und Kosmos. Im Zusammenhang mit Synchronizität (synchron = gleichlaufend, gleichzeitig) spricht Mansfield von einer «höheren Realität».

Die Scherben passen zusammen

In einer von dem Schriftsteller Wilhelm von Scholz (1874-1969) herausgegebenen, mehrfach erweiterten Sammlung mit dem Titel «Der Zufall und das Schicksal» ist die Rede von der «Anziehungskraft des Bezüglichen». Als besonders anschauliches Beispiel wird die Erfahrung eines Kunstfreundes erwähnt, der in München ein altes griechisches Vasenfragment kaufte. Vier Jahre später schenkte ihm eine Freund ein in Athen gekauftes Vasenfragment. Und siehe da: Die Scherbe aus Athen passte genau in die Bruchstelle des selbst erworbenen Stücks. (Rudolf Grimm, dpa)

 
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