24. Jul 2007 15:30
Der milde Winter hat die Zahl der Zecken in Deutschland deutlich erhöht. Überall lassen sich Menschen nun impfen - sehr zum Missfallen von Experten.
Der Impfstoff gegen die durch Zecken übertragene Krankheit Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) ist in einigen Regionen in Deutschland in diesem Jahr besonders knapp – und dass, obwohl die Hersteller nach eigenen Angaben die Produktion in diesem Jahr mehr als verdoppelt haben. So meldete der Berliner Apotheker-Verein, dass einige Apotheken in der Hauptstadt von den Herstellern auf Ende Dezember vertröstet wurden. Die Nachfrage beim Hersteller Novartis Behring in Marburg habe sich allein im Mai verfünffacht, sagte eine Unternehmenssprecherin. Biologische Prozesse brauchten Zeit, dazu komme die Qualitätskontrolle und die Freigabe. «Zusammengenommen dauert das alles mehrere Monate», ergänzte die Sprecherin. Selbst Nachtschichten im Betrieb würden nichts mehr helfen. Bei Bestellungen des Großhandels seien bis Juli die ausgewiesenen FSME-Risikogebiete bevorzugt worden.
Der Engpass an Impfstoffen deckt sich allerdings kaum mit einer tatsächlich gestiegenen Risikolage. Zwar gab es im vergangenen Jahr mit 546 FSME-Erkrankungen einen erneuten Anstieg der Infektionen, wie das Robert Koch-Institut (RKI) in seinem jährlichen FSME-Bulletin mitgeteilt hatte, aber von einer geographischen Ausbreitung des Virus könne nicht gesprochen werden. Das RKI hat in seinem jährlichen FSME-Atlas 129 Kreise vor allem in Süddeutschland als Risikogebiete ausgewiesen. Das sind 33 Kreise mehr als im Vorjahr. Allerdings hat das Institut in diesem Jahr seinen Definitionssatz für Risikogebiete geändert und führt vor allem darauf die gestiegene Zahl der Kreise zurück. Die hinzugekommen grenzten alle an bestehende Zonen oder füllten «kleine Lücken» inmitten bestehender Risikogebiete auf, schreibt das RKI. Der Anstieg der Infektionen sei zudem vor allem auf Infektionen in bisher ausgewiesenen Risikogebieten zurückzuführen. Von einer geographischen Ausbreitung des Erregers kann also nicht gesprochen werden.
Nach Angaben des RKI gibt es lediglich in den Bundesländern Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz und Thüringen ausgewiesene Risikokreise. Für Bewohner dieser Kreise, für die das Risiko eines Zeckenstiches besteht, also Waldarbeiter oder Jogger, aber auch für Urlauber, die diese Gebiete besuchen, empfiehlt das Institut eine Impfung. Wichtig ist dabei der zeitgerechte Einsatz der Impfung. So weist das RKI darauf hin, dass ein zeitlich begrenzter Impfschutz etwa für Urlauber mindestens zwei Gaben des Impfstoffes erfordere, ein längerer Impfschutz erfordere gar drei Impfungen.
Fakt ist natürlich auch, dass sich durch den milden Winter Zecken in diesem Jahr deutlich vermehrt haben. In Brandenburg gibt es bis zu zehn Mal mehr junge Zecken als 2006. «Wir finden auf einer Fläche von 100 Quadratmetern in einer halben Stunde 75 Zeckennymphen», sagte Thomas Talaska vom regionalen Konsiliarzentrum in Brieskow-Finkenheerd. «Im Juli 2006 waren es nur 7 bis 10 Tiere.» Allerdings sagt auch das gar nichts über eine gestiegene Gefahrenlage aus: Brandenburg ist nach wie vor kein FSME-Risikogebiet. Auch das Risiko, sich mit Borreliose – ein durch Zecken übertragenes Bakterium – zu infizieren ist nicht gewachsen. Im Gegenteil: Nur zwölf bis 13 Prozent der Jung-Zecken trügen im Moment den Erreger in sich, sagte Talaska.
2006 seien 25 Prozent der Tiere mit diesem Bakterium infiziert gewesen. «Wir haben also mehr Zecken, aber nicht mehr Borreliose», fasste Talaska zusammen. Im Unterschied zu FSME gibt es gegen Borreliose keine Schutzimpfung. Dafür hilft nach dem Stich das schnelle Entfernen der Zecke, da für eine Infektion die Zecke acht bis zwölf Stunden am Menschen sitzen muss. In Zweifelsfällen ist eine Therapie mit Antibiotika angebracht. (nz)