Affen und Kleinkinder helfen ohne Belohnung
28. Jun 2007 16:06
 |  Schimpansen: Hilfsbereit ohne Futterneid | Foto: dpa |
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Menschennahe Primaten helfen ihren Artgenossen selbstloser als bislang angenommen. Selbst Futter wird den Artgenossen ohne Eigennutz zugeschanzt.
Schimpansen handeln selbstloser als bisher angenommen. Ein Forscherteam des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie (MPI) hat erstmals den experimentellen Beweis erbracht, dass diese Menschenaffen ihren Artgenossen helfen, selbst wenn ihnen daraus kein Vorteil entsteht. Damit sei die verbreitete These widerlegt, dass altruistisches Verhalten nur dem Menschen zueigen sei, teilte das Institut am Donnerstag mit.Bisher galt bei Schimpansen vor allem der eigene Vorteil als Motiv für Hilfsbereitschaft. Ähnlich wie beim Menschen soll der Affe eine Art Kosten-Nutzen-Rechnung aufstellen. Dies konnten die Leipziger Forscher nun widerlegen: «Wir wollten herausfinden, ob Schimpansen und Kleinkinder helfen, um dafür eine sofortige Belohnung zu erhalten, oder ob sie helfen, weil die andere Person ein Problem hat», sagte Projektleiter Felix Warneken. Die Forscher konzipierten drei Aufgaben für 36 Schimpansen aus dem Ngamba Schutzgebiet in Uganda und führten diese gleichzeitig mit einer Gruppe von 36 Kleinkindern durch.
Faktor Hilflosigkeit
In der ersten Aufgabe sah der Schimpanse zu, wie eine unbekannte Person sich vergeblich bemüht, nach einem Stock zu greifen. Der Stock war außerhalb der Reichweite des Menschen, befand sich aber in Reichweite des Schimpansen. Nach seinen verzweifelten Versuchen nahm der Mensch Blickkontakt mit den Affen auf. 12 von 18 Schimpansen hoben den Stock daraufhin auf und reichten ihn weiter, obwohl sie keine Belohnung dafür erhielten. Auch 16 von 18 Kindern halfen selbstlos der Person, indem sie ihr den Gegenstand gaben. Wichtig war aber offenbar der Faktor Hilflosigkeit, betonte Warneken, denn wenn der Gegenstand außer Reichweite war, die betroffene Person aber gar nicht versuchte, ihn aufzuheben, so boten Schimpansen und Kinder auch keine Hilfe an. Offensichtlich helfen sowohl Affen als auch Kleinkinder nur in Problemsituationen. Für beide gilt: Sie sind in der Lage zu erkennen, wann jemand Hilfe benötigt, und helfen dann ohne unmittelbaren Eigennutz - in der vorliegenden Studie bis zu zehnmal hintereinander.
Sich mühen ohne Belohnung
In der zweiten Versuchsanordnung wollten die Forscher herausfinden, wie viel Mühe Schimpansen und Kleinkinder auf sich nehmen, um zu helfen. Die Schimpansen mussten dazu eine zweieinhalb Meter hohe Rampe hinaufklettern, um den Stock reichen zu können, die Kinder einen Hindernisparcours durchlaufen. Trotz der großen Anstrengungen halfen mehr als die Hälfte der Schimpansen und Kinder gleichermaßen, ohne dafür belohnt zu werden.Um auszuschließen, dass die Affen und Kinder möglicherweise bereits in der Vergangenheit für ähnliches Verhalten von einem Menschen belohnt wurden, wurde in einem weiteren Versuch der Faktor Mensch rausgelassen: Futter wurde hinter einer Tür platziert, die versperrt war. Ein Affe stand vor der Tür, konnte sie aber nicht öffnen. Der potenzielle Helfer war in einem anderen Käfig ohne Zugang zum Futter, konnte aber dem Artgenossen die Tür zum Futter öffnen.
Kein Betteln und Drohen
Knapp 80 Prozent der potenziellen Helfer öffneten ihren Artgenossen die Tür und verschafften ihnen damit Zugang zum Futter, obwohl sie selbst leer ausgingen. «Wir konnten nicht einmal beobachten, dass die Helfer den Begünstigten um Futter anbettelten oder ihn einschüchterten», sagte Warneken. «Dieses selbstlose Verhalten ist auch deshalb erstaunlich, weil sich die Schimpansen niemals zuvor in dieser Situation befunden haben. Und das zeigt, dass sie auch neuartige Problemsituationen flexibel erkennen und entsprechend neue Formen der Hilfe entwickeln können.»Das Forscherteam sieht damit den Beweis erbracht, dass unsere nahen Verwandten auch altruistisch handeln und bereits Kleinkinder dies tun. «Hilfsbereitschaft hat ihren Ursprung also nicht allein in Kultur und Erziehung. Wir sollten uns von der Idee verabschieden, dass wir als Egoisten auf die Welt kommen und allein durch Kultur und Erziehung zu hilfsbereiten Wesen heranwachsen», sagte Forschungsleiter Warneken. (nz)