«Menschenaffen sind eine große Chance»
Netzeitung.de: Herr Redmond, steht es heute besser um die Menschenaffen als zu Beginn von Grasp vor fünf Jahren?
Ian Redmond: Nein. Die Zerstörung der Wälder schreitet mit großer Geschwindigkeit voran. Zudem konnte die Jagd auf Menschenaffen in vielen Gebieten nicht unter Kontrolle gebracht werden. Modelle zeigen, dass ihre Populationen schrumpfen, wenn pro Jahr mehr als ein bis zwei Prozent der Tiere erlegt werden. Und die Verluste sind in vielen Gebieten weit höher. Sogar bei den Berggorillas, den best geschützten Menschenaffen der Welt, wurden im Januar zwei Silberrücken erschossen, und einige weitere Tiere werden seither vermisst.
Netzeitung.de: Menschenaffen gibt es in 23 Ländern Afrikas und Asiens. Wie geht Grasp die unterschiedlichen Probleme an?
Redmond: Das UN-Projekt hat zunächst die Regierungen der Länder mit Menschenaffen, die Nicht-Regierungs-Organisationen und eine Reihe von Geberländern zusammengebracht. Wir verfolgen eine globale Strategie. Auf der biologischen Ebene ignorieren wir Ländergrenzen und versuchen herauszufinden, welche Populationen besonders schützenswert sind. Auf der nationalen Ebene unterstützen wir die Länder dabei, Schutzpläne auszuarbeiten und Geldgeber zu finden, die die Maßnahmen finanzieren.
Netzeitung.de: Wie entscheidet man, welche Populationen besonders schützenswert sind?
Redmond: Das ist eine schwierige Frage. Die einen – ich gehöre dazu – sagen, wenn es in einem Wald Menschenaffen gibt, müssen wir diesen Wald und seine Menschenaffen schützen. Die anderen sagen, wir haben nicht genug Geld, alle Populationen zu beschützen, und müssen Prioritäten setzen. Auf unserem letzten Treffen haben wir das intensiv diskutiert. Durch einige der Gebiete fließt etwa ein Fluss. Das heißt wir haben dort zwei Populationen, die jede für sich vielleicht nicht so wichtig für den Fortbestand der Art sind. Über die Prioritäten werden wir sicherlich weiter diskutieren.
Netzeitung.de: Bedeutet Menschenaffen zu schützen, ihre Wälder zu schützen?
Redmond: Man muss beides tun. Die Menschenaffen brauchen ihre Wälder genauso wie die Wälder ihre Menschenaffen. Sie verbreiten Samen von Futterbäumen und lichten das Kronendach, wenn sie fressen oder ihre Schlafnester bauen, sodass junge Pflanzen nachwachsen können. Menschenaffen sind Gärtner des Waldes.
Paradoxerweise könnte die Bedrohung durch die globale Erwärmung zur Lösung beitragen, die wir suchen. Wir müssen unsere politischen Vertreter davon überzeugen, nach Ende des Kioto-Protokolls 2012 den Wert bestehender Wälder für die Kohlenstoffbilanz eines Landes anzuerkennen. Der Handel mit solchen Lizenzen könnte den Ländern die Mittel für den Schutz der Wälder und ihrer Tiere einbringen.
Netzeitung.de: Hapert es an der Finanzierung des Menschenaffenschutzes?
Deutschland hatte sich vor einem Jahr interessiert gezeigt, die Erklärung von Kinshasa zu unterzeichnen, in der wir die globale Strategie festgelegt haben. Aber wir haben seither nichts mehr gehört. Es gibt deutsche Organisationen, die sehr viel für bestimmte Populationen tun. Uns würde aber interessieren, ob die deutsche Regierung plant, die globale Strategie zu unterstützen.
(Auf Nachfrage teilte das Bundesamt für Naturschutz mit, dass über einen bereits gezahlten Zuschuss von 30.000 Euro hinaus keine weitere finanzielle Unterstützung für Grasp eingeplant ist.)
Netzeitung.de: Können wir die Menschenaffen vor dem Aussterben retten?
Redmond: Ich bin Optimist. Ich glaube nicht, dass wir jede Population retten können. Aber ich sehe so viel Interesse an Menschenaffen, so viele Menschen, die sich für sie begeistern wie ich es tue – deshalb denke ich: ja, es ist möglich. Die Großen Menschenaffen sind eine große Chance, wenn wir ihre Rolle im Ökosystem und die Entwicklungsmöglichkeiten für die Länder berücksichtigen. Menschenaffen gibt es in 23 Ländern, gut organisierten Besuchertourismus aber nur in drei. Das ist eins der vielen Dinge, die wir ändern müssen.
