03.04.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Handel mit Ecstasy gilt in Großbritannien als ebenso schweres Verbrechen wie Handel mit Heroin.
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
...und Cannabis weniger schlimm als Alkohol? Britische Mediziner beurteilen die Gefährlichkeit von Drogen neu, Patrick Eickemeier berichtet.
Die Schädlichkeit viel konsumierter Drogen wird falsch bewertet, sagen britische Mediziner. Nach ihrem Bewertungsschema ergibt sich ein anderes Bild als die gesetzlichen Einteilungen in Großbritannien und weiteren europäischen Ländern auch in Deutschland.
Die Forscher um David Nutt von der
University of Bristol kritisieren, dass die Unterscheidung zwischen legalen und illegalen Drogen vom medizinischen Standpunkt nicht haltbar ist. Auch bei der Ahndung von Drogendelikten werde falsch gewichtet und gleiches gelte bei der Bekämpfung des Drogenmissbrauchs. Das Forscherteam hat nun ein Schema erarbeitet, nach der sich jede Substanz bewerten lässt, die als Rauschgift missbraucht werden kann. Drei Faktoren machen danach die Schädlichkeit aus: die gesundheitlichen Folgen für den Konsumenten, die Suchtgefahr und die Auswirkungen des Konsums auf Mitmenschen.
Zu den körperlichen Schädigungen gehören Vergiftungserscheinungen wie etwa Atemnot nach dem Konsum von Heroin. Langfristiger Konsum kann zudem zu chronischen Krankheiten wie Lungenschäden durch Rauchen führen. Beim Spritzen von Drogen in die Blutbahn schließlich könnten Erreger wie Hepatitis- oder HI-Viren übertragen werden was für das Individuum und die Gesellschaft schwerwiegende Folgen habe, schreiben die Mediziner.
Tabak und Crack machen extrem süchtig Andere Stoffe erzeugten dagegen körperliche oder psychische Abhängigkeit. Als extrem körperlich abhängig machend beurteilen die Mediziner das im Tabak enthaltene Nikotin und das aus Kokain hergestellte Crack. Bei einer psychischen Abhängigkeit, etwa von Cannabis-Produkten, gebe es ein ähnlich starkes Verlangen nach einer Substanz, aber keine unmittelbaren oder nur kurz anhaltende Entzugserscheinungen.
Zu den sozialen Auswirkungen des Drogenkonsums gehören die vielfältigen Folgen des Rauschs, wie etwa Schlägereien oder Unfälle unter Alkoholeinfluss. Drogenkonsum verändere auch das Verhältnis der Konsumenten zu ihrer Familie, sagen die Mediziner, und er verursache immense Kosten für das Gesundheits-, Sozial- und Strafverfolgungssystem.
Das Suchtpotenzial einer Substanz hängt von den angenehmen Empfindungen ab, die der Konsum auslöst. Bei halluzinogenen Substanzen wie LSD und Meskalin seien gute persönliche Erfahrungen wahrscheinlich der einzige Faktor, der die Konsumenten erneut zu der Substanz greifen lasse.
In Deutschland richten sich Juristen bei der Beurteilung eines Drogendelikts in erster Linie nach der sichergestellten Menge. So ist der Besitz einer «nicht geringen Menge» einer Droge ein Verbrechen, das mit einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr geahndet wird. Bei einer «geringen Menge» handelt es sich um ein Vergehen, für das nur eine Geldstrafe verhängt wird.
Der Richtwert für eine «nicht geringe Menge» liegt zum Beispiel bei Heroin bei 1,5 Gramm. Ausschlaggebend ist der Wirkstoffgehalt, die Gewichtsangabe bezieht sich auf reines Heroin. Meist werden 20- bis 30-prozentige Mischungen des Rauschgifts gehandelt. Die Grenze zwischen Vergehen und Verbrechen liegt also zwischen etwa 4,5 und 7,5 Gramm.
Dass in den deutschen Bundesländern teils unterschiedliche Richtwerte gelten, ist mit der nach Nutts Schema ermittelten Gefährlichkeit der Substanzen nicht zu rechtfertigen. Die Forscher um den Mediziner empfehlen, dass Behörden Drogen nach ihrem Bewertungsschema neu klassifizieren.
Nach diesen Kriterien beurteilten zwei Gruppen von Experten die Schädlichkeit von zwanzig Substanzen. Die einen waren Ärzte, die sich auf Suchtkrankheiten spezialisiert hatten. Die anderen waren Suchtexperten anderer Fachrichtungen, etwa Chemiker und Pharmakologen, aber auch Polizisten. Wie das Team um Nutt kürzlich in der Fachzeitschrift «The Lancet» berichtete, kamen die beiden Expertengruppen zu weitgehend übereinstimmenden Ergebnissen.
Die schädlichsten Drogen sind demnach Heroin und Kokain, gefolgt von Beruhigungsmitteln aus der Gruppe der Barbiturate und auf der Straße gehandeltem Methadon. Zu den zehn gefährlichsten Substanzen rechneten die Experten die legalen Drogen Alkohol auf Platz Fünf und Tabak auf Platz Neun. LSD und Ecstasy, deren Besitz in Großbritannien genauso streng geahndet wird wie der von Heroin, liegen in der Beurteilung dagegen nur auf Platz 14 und 18. Cannabis, nach britischem Gesetz aus der zweitgefährlichsten Klasse von Drogen, gehört nach dem Experten-Ranking nicht zu den zehn gefährlichsten Drogen, es liegt auf Platz Elf.