13.03.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Herr Borner, wie geht es der Serengeti heute?
Markus Borner führt die Arbeit von Grzimek in der Serengeti fort. Patrick Eickemeier fragte beim Mitarbeiter der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt nach dem Zustand des Nationalparks.
Netzeitung.de: Herr Borner, wie hat sich die Serengeti seit den 50er Jahren verändert, in denen Bernahrd Grzimek die Landschaft erstmals besuchte? Borner: Sehr positiv. Wir haben heute mehr Tiere in der Serengeti als noch zu Grzimeks Zeiten. Damals gab es etwa rund 250.000 Gnus, seit einigen Jahren hält sich der Bestand bei etwa 1,5 Millionen. Das ganze Gebiet ist heute durch ein Mosaik von Naturschutzgebieten um den Park herum viel besser abgesichert. Die Wilderei, die damals ein Riesenproblem war, ist viel besser unter Kontrolle.
Ein anderes Problem, das hat auch Grzimek schon erkannt, ist der Populationsdruck. Es gibt immer mehr Menschen, die an der Parkgrenze leben. Ihre Haustiere übertragen Krankheiten auf die Wildtiere. Und ein großes Problem ist Wasserknappheit. Der Marafluss, nördlich der Serengeti, ist der einzige, der in der Trockenzeit Wasser führt.
Die Tiere der Serengeti hängen in der Trockenzeit von diesem Fluss ab. Aber in seinem Einzugsgebiet in Kenia werden Wälder abgeholzt, es wird immer mehr Wasser für die Bewässerung von Getreidefeldern entnommen und es gibt Projekte, das Wasser zur Stromerzeugung umzuleiten. Zu all dem kommt jetzt auch der Einfluss des Klimawandels. Im Äquatorgebiet wird nicht unbedingt weniger Regen vorausgesagt. Was wir aber jetzt schon sehen, sind entweder sehr starke Niederschläge mit Überschwemmungen oder längere Trockenzeiten.
Netzeitung.de: Der Aufruf «Serengeti darf nicht sterben» ist also aktuell?
Borner: Wenn der Fluss austrocknet, kann es sein, dass die Gnupopulation in einer einzigen langen Trockenzeit unter 200.000 fällt. Wir haben heute aber sehr viel mehr Löwen und Hyänen, die verhindern könnten, dass sich die Gnupopulation wieder erholt. Die Große Migration könnten wir dann für immer verlieren.
Netzeitung.de: Professor Grzimek hat den Tourismus ins Gebiet geholt. Geht sein Konzept auf, die Parks mit dem Tourismus-Geld zu erhalten, oder entstehen neue Probleme?
Borner: Grundsätzlich geht das Konzept auf. Alles, was die Besucher hier an Gebühren bezahlen, bleibt im Naturschutz. Der Serengeti-Nationalpark bringt genügend Geld für den eigenen Unterhalt ein und mit rund der Hälfte der Gelder können sogar andere Parks in Tansania subventioniert werden. Die Regierung unterstützt die Parks zwar politisch, aber nicht mit finanziellen Mitteln.
Zu viele Touristen bringen aber Probleme. Wir versuchen in Tansania das Qualitätstourismus-Prinzip durchzusetzen: Möglichst wenig Touristen, die möglichst wenig Spuren hinterlassen, sollen genug Geld zur Erhaltung der Parks einbringen. Es gibt aber einen Riesendruck, dass mehr Hotels gebaut werden. Einen Löwen zum Beispiel kümmert es auch wirklich nicht, ob eines oder zwanzig Autos um ihn herumstehen. Aber es geht darum, dem Besucher ein Qualitätserlebnis zu vermitteln und da stören zwanzig Autos. Das Erlebnis Wildnis ist gefährdet.
Netzeitung.de: Welche Strategie verfolgen Sie heute zum Schutz der Serengeti? Borner: Was Grzimek hier ursprünglich aufgebaut hat, ist der Parkschutz. Wir haben aber gesehen, dass wir mehr mit den Leuten im Gebiet zusammenarbeiten müssen. Es gibt ja nicht nur den Park, das ist nur eine Kernzone. Wir sind in einen weiteren Schutz des gesamten Ökosystems eingestiegen. Wir helfen der Bevölkerung in den Pufferzonen des Parks kleine Schutzzonen einzurichten, wo sie die Einnahmen in die eigene Tasche stecken können, aber auch die Verantwortung übernehmen. Grzimek sagte immer, die Afrikaner hätten keine Baudenkmäler, die sie zeigen können, aber sie hätten ihre Nationalparks. Und selbst in den Dörfern, aus denen die Bewohner nie in die Parks kommen können, gibt es einen Stolz, dass Leute aus der ganzen Welt kommen um sie zu sehen. Und ich glaube, es ist einer der größten Verdienste von Bernhard Grzimek, diesen Stolz mitbegründet zu haben.
Netzeitung.de: Und wie war Professor Grzimek als Chef?
Borner: Er hat seinen Leuten Vertrauen gegeben, das habe ich sehr an ihm geschätzt. Als Chef musste man ihn aber verstehen können. Er hat sehr viel Autorität abgegeben, aber auch viel Ehre für sich eingeheimst. Das war okay, weil er auch etwas zurückgegeben hat. Er hat es beispielsweise so dargestellt, als würde er seine Filme selber machen, hat aber seinem Kameramann Alan Root, der viel für ihn gearbeitet hat, später eine Stelle bei Anglia Television vermittelt und ihm so seine Karriere gesichert.
Netzeitung.de: Es heißt, Grzimek sei mit nur drei Stunden Schlaf pro Nacht ausgekommen. Hat er sie oft aus dem Bett gescheucht?
Borner: Hat er. Auf unseren Reisen durch Tansania und andere afrikanische Staaten habe ich das gut kennen gelernt. Es war immer anstrengend. Da ist immer etwas gelaufen und es waren viele Leute um ihn herum.