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Fast zwei Millionen Deutsche tablettensüchtig

13. Nov 2006 22:44
Tabletten
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Zahlreiche Bundesbürger sind laut einer Studie abhängig von Schlaf- und Beruhigungsmitteln. Tablettensucht ist demnach ähnlich verbreitet wie Alkoholismus.

Bis zu 1,9 Millionen Deutsche sind von Tabletten und anderen Medikamenten abhängig. Zu diesem Schluss kam eine Untersuchung der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), die am Montag in Dresden veröffentlicht wurde.

Medikamentenmissbrauch sei ein Massenphänomen, sagte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Sabine Bätzing (SPD). Das Problem erreiche ein der Alkoholabhängigkeit vergleichbares Ausmaß, werde in der Öffentlichkeit jedoch nur wenig wahrgenommen.

Lebensprobleme chemisch regeln

«Zunehmend wollen Menschen Lebensprobleme chemisch regeln», sagte Renate Walter-Hamann vom Caritasverband. Sie sieht Ärzte als wesentliche Verantwortliche für diese Entwicklung. Die Mediziner verschrieben Schlaf-, Schmerz- und Beruhigungsmittel häufig zu lange und in zu hoher Dosierung.

Als besonders problematisch wurden die so genannten Benzodiazepine bezeichnet. Betroffen seien vor allem Frauen, insbesondere in höherem Alter, gab die Drogenbeauftragte bekannt. Frauen würden mehr problematische Medikamente verordnet, sie nähmen sie auch häufiger ein.

Oft benutzten die Frauen die Mittel, um die alltäglichen Belastungen in Familie, Partnerschaft und Beruf besser bewältigen zu können, hieß es. Nicht selten gelänge es ihnen, die Krankheit lange verborgen zu halten.

Ärzte sollen besser aufklären

DHS-Vize-Geschäftsführer Raphael Gaßmann forderte eine «verantwortungsvollere Verschreibungspraxis und mehr Aufklärung» der Patienten durch Ärzte. Die Drogenbeauftragte verwies zudem auf einen Leitfaden, den die Bundesärztekammer voraussichtlich Ende des Jahres veröffentlichen werde.

Das Papier solle Ärzten Hinweise zur Verschreibung von Medikamenten mit Missbrauchspotenzial an die Hand geben. Zudem würden gemeinsam mit der Bundesärztekammer und den Apotheken weitere Schritte geplant.

Vorsicht bei Viagra

Außer den Verschreibungen trügen auch so genannte Lifestyle- Produkte und frei verkäufliche Medikamente zu der Suchtproblematik bei, ging weiter aus der Studie hervor. Dazu zählten Haarwuchsmittel ebenso wie das Potenzmittel Viagra, der Stimmungsaufheller Johanniskraut oder Mittel zur Senkung der Fettaufnahme aus der Nahrung.

«Die Werbung verharmlost oft Nebenwirkungen und senkt das Problembewusstsein», kritisierte Walter-Hamann. Die Selbstmedikation bereite den Boden für die Einnahme chemischer Mittel am medizinischen System vorbei. (nz)

 
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