31. Aug 2006 15:38
Was ihre Artgenossen in Wäldern aufschreckt, nimmt eine Stadtamsel gelassen hin. Das Stadtleben könnte auch andere Tiere verändern, die diesen Lebensraum nutzen.
Jesko Partecke, Ingrid Schwabl und Eberhard Gwinner vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Andechs/Seewiesen haben Amsel-Nestlinge (Turdus merula) aus München und aus einem 40 Kilometer entfernten Waldgebiet von Hand aufgezogen. Die Vögel wurden ein Jahr lang zusammen unter denselben Bedingungen gehalten.Im ersten Herbst, im ersten Winter und im ersten Frühjahr wurden die Amseln einer akuten Stresssituation ausgesetzt. Die Forscher nahmen währenddessen Blutproben, um die Konzentration von Kortikosteron, dem Stresshormon von Vögeln, zu bestimmen.
Unter stressfreien Bedingungen unterschieden sich Stadt- und Waldamseln nicht. Auch bei dem Versuch im ersten Herbst zeigten beide Gruppen eine ähnliche Stress-Antwort. Dies änderte sich jedoch drastisch während des ersten Winters: Stadtamseln zeigten nun eine deutlich verminderte Stressantwort, berichten die Forscher in der Fachzeitschrift «Ecology». «Diese Ergebnisse belegen erstmals, dass das Stadtleben verhaltensphysiologische Mechanismen, die zum Überleben notwendig sind, in Wildtieren deutlich verändert», wird Partecke in einer Mitteilung der Max-Planck-Gesellschaft zitiert.
Wirbeltiere – so auch der Mensch – bewältigen ungünstige Umweltbedingungen mit einer akuten Stress-Antwort, bei der Hormone ausgeschüttet werden. Die kurzzeitige Ausschüttung hilft, schnell auf den Stressfaktor reagieren zu können. Unter anhaltenden Stresssituationen kann der chronisch erhöhte Stresshormon-Spiegel jedoch die Fortpflanzung, die Immunabwehr und die Hirnfunktion beeinträchtigen.
Folglich würden Tiere in Städten leiden, wenn sie ihre Stressantwort nicht den Bedingungen angepasst hätten. Die reduzierte Hormon-Ausschüttung bei den Stadtamseln könnte auch bei anderen Tierarten auftreten.
Die Wissenschaftler vermuten, dass der Unterschied bei den Amseln genetisch festgelegt ist. Durch natürliche Auslese hätten sich die Individuen erfolgreicher fortgepflanzt, die besser mit den urbanen Stressfaktoren zurechtkommen. Warum sich die Stressantwort der beiden Vogelgruppen in ihrem ersten Herbst noch nicht unterschied, können die Wissenschaftler noch nicht sagen. «Möglicherweise wird die verringerte Stressantwort erst später im Leben ausgebildet», vermutet Partecke.
Er möchte als nächsten Schritt untersuchen, ob auch frei lebende Stadtamseln eine verminderte physiologische Stressantwort im Vergleich zu ihren frei lebenden Artgenossen in den Wäldern zeigen. (nz)