Union bei Stammzellen-Forschung entzweit
26.07.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Embryonale Stammzellen gelten als Multitalente: Sie können sich in andere Zelltypen des Körpers wandeln, etwa in Nervenzellen. Sie lassen sich im Prinzip unbegrenzt vermehren und gelten als Hoffnung im Kampf gegen bisher unheilbare Krankheiten wie Parkinson.
Die FDP-Fraktion kündigte für dieses Jahr eine Initiative an, mit der sie die Stichtags-Regelung abschaffen will. Die deutsche Gesetzgebung sei nach dem EU-Kompromiss vom Montag überholt, sagte die forschungspolitische Sprecherin Ulrike Flach. Ähnlich äußerte sich Nordrhein-Westfalens Forschungsminister Andreas Pinkwart (FDP).
CSU-Forschungsexpertin Aigner kritisierte die deutsche Haltung als widersprüchlich. Nun würden hier verbotene Projekte im Ausland mit deutschen Steuergeldern gefördert. Ein deutscher Forscher kann nach derzeitiger Rechtslage dafür bestraft werden, wenn er zum Beispiel in Großbritannien an Stammzellen forscht, die dort legal nach 2002 erzeugt wurden.
Auch Detlev Ganten, Mitglied im Nationalen Ethikrat und Chef der Berliner Universitätsklinik Charité, verlangte, das deutsche Stammzellgesetz zu ändern. «Unser Problem in Deutschland ist, dass wir die Zellen, die in anderen Ländern hergestellt werden, immer noch nicht einführen können», hatte er im RBB-Inforadio beklagt. Nach dem EU-Kompromiss sei aber zumindest gewährleistet, dass geltendes Recht die Forschung nicht behindere. Der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Peter Gruss, forderte in der «Frankfurter Rundschau», Deutschland solle den EU-Kompromiss übernehmen.
Auch aus den Kirchen klagten über die EU-Regelung. «Bei der nun geltenden Beschlusslage kann nicht ausgeschlossen werden, dass von der Forschungsförderung der EU finanzielle Anreize für die Zerstörung von menschlichen Embryonen ausgehen», hatte EKD-Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber gewarnt. Die Deutsche Bischofskonferenz schloss sich dem an. «Auch mit deutschen Steuergeldern wird so eine Forschung ermöglicht, die in Deutschland nach geltender Rechtslage verboten ist und die Tötung menschlichen Lebens voraussetzt», hieß es in einer Stellungnahme der katholischen Bischöfe. Zu noch härteren Worten griff der Vatikan: Die Zeitung des Kirchenstaates «L'Osservatore Romano» nannte die EU-Entscheidung «das makabre Produkt eines perversen Verständnisses von Fortschritt». (nz)

