29.06.2006
Herausgeber: netzeitung.de
Forscher mit einem in Georgien entdeckten Schädel
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
In einem Gebirgstal in Georgien sind die ältesten Überreste von Menschen außerhalb Afrikas gefunden worden. Inzwischen wurde dort bereits der fünfte Schädel eines Vorfahren des modernen Menschen entdeckt.
Von Gerd Korinthenberg«Zezwa» nennen die Georgier liebevoll den Schädel eines Urmenschen, den Archäologen 1999 bei Dmanisi im südlichen Kaukaus gefunden haben. In einem sicheren Stahlkoffer verpackt reiste das 1,8 Millionen Jahre alte Fossil jetzt nach Bonn, wo es vom 8. Juli bis 19. November zu den Attraktionen einer Urmenschen-Ausstellung im Rheinischen Landesmuseum gehört.
Der vielleicht 1,50 Meter große «Zezwa», dessen Hirn mit 750 Kubikzentimetern nur halb so groß war wie das eines modernen Menschen, dient als Beweis dafür, dass der frühe Mensch sich nicht erst vor einer Million Jahren als hoch gewachsener
Homo erectus mit perfektem Faustkeil von Afrika aus auf Wanderschaft machte. Schon etwa 800.000 Jahre früher als bisher angenommen verließ der Mensch seine Urheimat, um den Rest der Welt zu besiedeln zumindest bis zu den von Löwen, Nashörnern und Säbelzahntigern bewohnten Bergen des Kaukasus. Rohe Flussgerölle, scharfkantig zugeschlagen, waren seine einzigen Hilfsmittel.
Mit dem fünften Urmenschen-Schädel, dessen Fund jetzt bekannt wurde, erweist sich das grüne Gebirgstal von Dmanisi rund 80 Kilometer südlich von Tiflis als ideales Terrain für die Urmenschenforschung. Die ältesten Menschenfossilien außerhalb Afrikas wurden auf einer kleinen Fläche zwischen den Grundmauern einer mittelalterlichen Stadt gefunden. Rund 3000 simple Steingeräte, ähnlich denen aus dem ostafrikanischen Olduvai, wurden bislang geborgen. Eine exakt auf 1,85 Millionen Jahre datierbare Lava-Basaltschicht ist Unterlage der Schädel und Unterkiefer. Kaum jüngeres, gelbliches Kalksediment, das sich rasch über die Knochen legte und sie gut konservierte, machen das Glück der Wissenschaft vollkommen.
«Das hier ist der Beweis, dass Wunder geschehen», schwärmt Yoel Rak von der Universität Tel Aviv beim Besuch in Dmanisi. Man sehe in Dmanisi förmlich «den Moment, in dem der Mensch die Möglichkeit hatte, durch seinen eigenen Verstand sein Biotop zu verlassen». Sein Kollege, der georgische Chefausgräber David Lordkipanidze ist sich sicher, dass an dieser Fundstelle noch Generationen von Forschern arbeiten werden, immer auf den Spuren einer urtümlichen Menschenform mit kleinem Hirnvolumen irgendwo zwischen dem Stammvater Homo erectus und dem noch ein wenig äffischen Homo habilis.
Aus einem zahnlosen Schädel eines Urmenschen, der ohne Zähne noch mindestens zwei Jahre überlebt haben muss, könne sogar auf eine Art Fürsorge der Dmanisi-Leute geschlossen werden, folgert Lordkipanidze. Dennoch seien es «komplett unterschiedliche Menschen im Vergleich zu uns» gewesen. Für den Museumschef haben «seine» Urmenschen jedoch beste Chancen, auf Dauer die weltweit bekanntesten Georgier zu werden und zum positiven Image seiner Heimat beizutragen. «Ich bin mir nicht sicher, ob Josef Stalins Name 1,8 Millionen Jahre überlebt», meint der Ausgräber.
Zu seinem aufregenden Neufund, dem nunmehr fünften Dmanisi-Schädel, will der 42-jährige Generaldirektor des Georgischen Nationalmuseums aber noch nichts sagen. Erst müsse im Herbst die wissenschaftliche Untersuchung abgeschlossen sein. (dpa)