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Wildbiologe: «Das Problem ist nicht der Bär»

22. Jun 2006 12:34
Alberto Stoffella
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Der nach Deutschland eingewanderte Braunbär soll gefangen oder geschossen werden. Die Netzeitung sprach mit einem italienischen Biologen über das Ansiedlungsprogramm in Trentino, schlechte Bärenmanieren und Gummikugeln.

Der im Mai nach Deutschland eingewanderte Braunbär «JJ1» ist bereits wenige Tage nach seiner Grenzüberquerung zum Problemfall erklärt worden. Das Tier soll nun eingefangen oder geschossen werden.

Mehr in der Netzeitung:
Alberto Stoffella betreut für die italienische Forstbehörde Corpo Forestale dello Stato das Ansiedlungsprogramm von Braunbären in Trentino. Er bedauert die Entscheidung des bayerischen Umweltministeriums und plädiert für mehr Toleranz gegenüber Braunbären in der Schweiz, in Österreich und in Deutschland.

Netzeitung: Sind Sie schon Braunbären in der Natur begegnet?

Stoffella: Schon oft, das ist meine Arbeit. Man braucht aber Glück, um einen Bären zu sehen. Die meisten sind sehr scheu, manche sind aber auch frecher.

Mehr in der Netzeitung:
Netzeitung: «JJ1» scheint aus einer frechen Familie zu stammen. Er habe von seiner Mutter «Jurka» gelernt, in der Nähe menschlicher Siedlungen nach Futter zu suchen. Kann man ihm das wieder austreiben?

Stoffella: Wir haben JJ1 in Italien bei verschiedenen Gelegenheiten vergrämt. Wir beschießen die Bären mit Gummikugeln oder setzen Schreckschüsse ein. JJ1 hat dabei aber offenbar nur gelernt, nicht wieder an einen Ort zurückzukehren, wo er Vieh gerissen hat.

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Netzeitung: Welche Chancen haben die Jäger, das Tier zu finden?

Stoffella: Bären sind schlau. Sie können sich praktisch unsichtbar machen. Von seiner Mutter Jurka, die auch eingefangen werden soll, fehlt seit drei Wochen jede Spur. Es wird schwierig, JJ1 lebend einzufangen. Wenn es gelänge, könnte man ihm ein Senderhalsband anlegen und seine Bewegungen verfolgen.

Netzeitung: Das Tier soll in diesem Fall aber in ein Gehege gesetzt werden.

Mehr im Internet:
Stoffella: Das wäre traurig. Ich glaube nicht, dass der Bär das Problem ist. In Italien gab es auch Zwischenfälle mit JJ1, aber das wurde toleriert. Erst in Deutschland wurde er zum Problem. Wir brauchen da eine bessere internationale Abstimmung zum Schutz der Bären und für den Umgang mit den Zwischenfällen.

Der Lebensraum der Braunbären überschneidet sich mit dem Lebensraum des Menschen. Wenn man die Tiere gleich abschießen will, sobald sie in der Nähe menschlicher Siedlungen auftauchen, dann geht es nicht nur um JJ1, sondern um den Braunbären in Europa überhaupt.

Ich bin nicht überzeugt, dass der Abschuss die richtige Lösung ist. Die Menschen müssen mehr Zeit haben zu lernen, wie ein Bär sein kann. Das ist kein braver Zirkusbär, von dem man genau weiß, was er tut. Wenn man Bären in Mitteleuropa haben will, wird man auch mit ihnen in Kontakt kommen. Davor muss man keine Angst haben. Wenn man sie nicht will, ist das anders. Aber Bären haben ein Recht hier zu leben, sie waren vor uns da.

Netzeitung: Könnten weitere Bären nach Deutschland einwandern?

Mehr in der Netzeitung:
Stoffella: Da kommen ganz sicher andere. Bisher waren sie in Deutschland, Österreich und der Schweiz aber nicht wirklich willkommen. Ziel unseres Projekts ist es, die Verbreitung der Tiere in den Alpen zu unterstützen. Wir haben uns den Kopf zerbrochen über Korridore, über die sie neue Lebensräume erreichen könnten. Aber das größte Problem ist der Mangel an Toleranz. Wenn wir das in den Griff kriegen, dann können wir auch hoffen, dass es klappt.

Mit Alberto Stoffella sprach Patrick Eickemeier
 
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