netzeitung.deAtomexperte: «Wir sind heute besser vorbereitet»

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Wolfgang Raskob (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Wolfgang Raskob
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der Reaktorunfall in Tschernobyl zeigte, wie schlecht die Zuständigen damals auf nukleare Störfälle vorbereitet war. Die Netzeitung hat nun mit einem Sicherheitsexperten über Fehler von einst und heute gesprochen.

Die Regierungen der drei vom Reaktorunfall in Tschernobyl am stärksten betroffenen damaligen Sowjet-Republiken versäumten es, die Bevölkerung rechtzeitig in Sicherheit zu bringen. Auch westeuropäische Staaten waren schlecht vorbereitet. Bis heute besteht Harmonisierungsbedarf, sagte Wolfgang Raskob.

Der Meteorologe leitet am Forschungszentrum Karlsruhe die Entwicklung des Online-Entscheidungshilfe-Systems «RODOS», mit dem grenzübergreifende Schutzmaßnahmen besser koordiniert werden sollen.

Netzeitung: Welche Fehler wurden beim Katastrophen-Management nach dem Unfall in Tschernobyl gemacht?

Raskob: Die betroffenen Länder waren nicht vorbereitet. Es gab keine organisatorische Struktur, die sinnvolle Maßnahmen eingeleitet hat. Das war in der damaligen Sowjet-Union und zum Teil auch in der Bundesrepublik der Fall. Die Zuständigkeiten waren nicht so klar strukturiert wie sie es heute sind. Die Maßnahme, die man bei so einem schweren Störfall als erstes ergreifen muss, ist die Evakuierung der Bevölkerung. Teilweise wurden die Städte um Tschernobyl erst nach den Feierlichkeiten zum 1. Mai geräumt. Damals wurden in der Sowjet-Union eben andere Prioritäten gesetzt. Die Bevölkerung wurde nicht rechtzeitig informiert.

Netzeitung: Welche Folgen des Unfalls hätten mithilfe des Entscheidungshilfe-Systems RODOS vermieden werden können?

Raskob: Wichtig ist zu wissen, wie viel radioaktives Material freigesetzt wurde, wohin die Fahne (Anmerkung der Red.: radioaktive Luftschwebstoffe) zieht und welche Folgeschäden zu erwarten sind. Man braucht ein System, dass Prognosen dazu liefert und mögliche Gegenmaßnahmen darstellt, und eine erfahrene Person, die das System anwenden und die Entscheidungen auch treffen kann. Ohne dass man diese Vorgänge übt, nützt aber auch das beste System nichts.

Netzeitung: Angenommen, es gäbe heute einen vergleichbaren Störfall in einem europäischen Atomkraftwerk. Wie gut sind die EU-Mitglieder auf ein gemeinsames Katastrophen-Management vorbereitet?

Raskob: Besser als damals, um es mal so auszudrücken. Wir versuchen ja mit unserem RODOS-System den Katastrophenschutz in Europa zu harmonisieren. Der Notfallschutz wird in den meisten europäischen Ländern funktionieren. Nur wie es bei der Bevölkerung ankommt, dass z.B. in einem Land Grenzwerte der Strahlenbelastung überschritten werden und in einem anderen bei der gleichen Belastung noch nicht, das ist ein anderes Problem. Im Notfallschutz müsste die EU einheitliche Grenzwerte einführen, wie das ja in vielen anderen Bereichen schon geschehen ist.

Netzeitung: Die Atomenergie wird hierzulande als klimaneutrale Alternative zu fossilen Energieträgern diskutiert. Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, dass es erneut zu einem ähnlich schweren Unfall kommt, wenn die Laufzeiten der Kernkraftwerke verlängert werden?

Raskob: Innerhalb Europas ist diese Gefahr relativ gering. Es gibt hier eine Sicherheitskultur, die durch den Austausch von Informationen noch verstärkt wird. Das merken wir auch in unserem Projekt mit 23 verschiedenen Nationen. Ich gehe davon aus, dass auch in auslaufenden Kernkraftwerke hohe Sicherheitsstandards beibehalten werden. Wie das außerhalb Europas aussieht, etwa in China, wo viele Reaktoren gebaut werden, kann ich nicht sagen.

Netzeitung: Ist ein altes Atomkraftwerk ein gefährliches Atomkraftwerk?

Raskob: Das kommt darauf an, wie es nachgerüstet wird. Hier in der Bundesrepublik prüfen verschiedene Institutionen, wann die Zeit gekommen ist, ein Kernkraftwerk auf den neuesten Stand der Technik zu bringen. Wenn die Sicherheitsstandards weiterhin eingehalten werden, sehe ich hier kein Problem. Solange die Bevölkerung die Atomkraft aber mehrheitlich nicht akzeptiert, bin ich persönlich der Meinung, dass es nicht sinnvoll ist, hier weiter auf Kernkraft zu setzen.


Mit Wolfgang Raskob sprach Patrick Eickemeier