Bosnier vermarkten ihre Pyramiden-Hügel
15.04.2006
Herausgeber: netzeitung.de
In Restaurants kommt das Essen in dreieckigen Tellern auf den Tisch. Holzschnitzer haben eine Serienproduktion von pyramidenförmigen Schlüsselanhängern gestartet, und in den Geschäften hängen T-Shirts mit der Aufschrift «Ich habe eine Pyramide im Garten»: Denn wenn der Archäologe Semir Osmanagic Recht hat, könnten dort die ersten in Europa entdeckten Pyramiden gestanden haben.
Der aus Bosnien stammende Osmanagic und sein Team begannen am Freitag mit Ausgrabungsarbeiten an einem geheimnisumwitterten Hügel in Visoko, dem 650 Meter hohen Visocica. Satellitenfotos hätten gezeigt, dass die Hänge in 45-Grad-Neigung perfekt an den Haupthimmelsrichtungen ausgerichtet seien, und in einem Plateau gipfelten, erklärte Osmanagic. Unter der Erdoberfläche seien bereits ein Eingang, Zugänge zu Tunneln sowie mehrere große Steinblöcke entdeckt worden, die Teil der Pyramidenfassade gewesen sein könnten.
Die Arbeiten im Tal von Visoko, 30 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Sarajevo, sollen laut Osmanagic voraussichtlich etwa ein halbes Jahr dauern. Mit ersten Ergebnissen rechnet der Archäologe, der 15 Jahre lang Pyramiden in Lateinamerika studiert hat, in etwa drei Wochen. Mitte Mai wollen sich dem Team zwei ägyptische Experten anschließen.
Nach Einschätzung von Anthropologen siedelten sich im Tal von Visoko vermutlich schon vor 7000 Jahren erstmals Menschen an. Im Mittelalter war der Ort die Hauptstadt von Bosnien. Deutsche Archäologen entdeckten in dem Gebiet in nur einem Meter Tiefe kürzlich 24.000 Gegenstände aus der Jungsteinzeit.
Die Pyramiden könnten nach Ansicht von Osmanagic von den Illyriern erbaut worden sein, die die Balkan-Halbinsel bis zur Ankunft der Slawen um das Jahr 600 bevölkerten. Er taufte die drei Hügel Sonnen-, Mond- und Drachenpyramide. Über ihr genaueres mutmaßliches Alter wollte er zunächst keine Angaben machen.
Das örtliche Hotel, das bislang «Hollywood» hieß, wurde in «Bosnische Sonnenpyramide» umgetauft. Auf seiner Web-Site wirbt der Besitzer: «Während Sie in unserem Restaurant im 6. Stock ihre Mahlzeit genießen, haben Sie einen herrlichen Blick auf die Sonnenpyramide. Sie können an dem Geheimnis und dem Wunder unserer Region teilhaben.»
Dass es sich bei dem Hügel doch nicht um eine Pyramide handeln könnte, ziehen die Bewohner nicht in Betracht. «Die Frage, ob es eine Pyramide gibt oder nicht, wird nicht gestellt», sagte der Direktor des Museums von Visoko, Senad Hodovic. «Die Leute hier glauben daran und freuen sich darüber.» (nz;AP)

