«Tschernobyl kann sich jeden Tag wiederholen»
Netzeitung: Werden wir jemals genau wissen, wie viele Menschen wegen des Reaktorunfalls in Tschernobyl erkrankten oder starben?
Netzeitung: Die ukrainische Gesundheitsbehörde kommt zu einem noch höheren Ergebnis. Warum ist es so schwierig, die Opferzahl zu erfassen?
Pflugbeil: Die Regierung der damaligen Sowjetunion hat zunächst versucht, den Unfall geheim zu halten. Wichtige Informationen der ersten Jahre durften nicht aufgeschrieben werden, Berichte wurden vernichtet oder es wurden falsche Informationen aufgeschrieben. Heute kann man nur vage rekonstruieren, was damals eigentlich los gewesen ist.
Die Liquidatoren (Anmerkung der Red.: Aufräum-Arbeiter, meist Soldaten) wurden aus vielen Sowjet-Republiken nach Tschernobyl abkommandiert. Die Angaben, wie viele es gewesen sind, variieren zwischen 600.000 und einer Million. Von den drei betroffenen Ex-Sowjet-Republiken Ukraine, Weißrussland und Russland gibt es übereinstimmende Berichte, dass über 90 Prozent der Liquidatoren erkrankten. Bis heute sind aber nur etwa die Hälfte namentlich erfasst. Viele der Opfer können also nicht in den Büchern auftauchen. Zudem ist heute in diesen Staaten kein Geld vorhanden, um ordentliche Krankenregister zu führen.
Netzeitung: Wie stark ist die gesundheitliche Belastung der Bevölkerung außerhalb der Ex-Sowjetunion?
Netzeitung: Wann wird der Fall Tschernobyl als abgeschlossen betrachtet werden können?
In Tschernobyl ist die Anzahl der betroffenen Menschen viel größer, wie auch das Ausmaß der radioaktiven Verseuchung. In Hiroschima und Nagasaki sind grob fünfzig Kilogramm Spaltstoff verteilt worden, in Tschernobyl sind es ungefähr 200 Tonnen. Das Hauptproblem in dieser Region ist wahrscheinlich, dass sich Menschen über Jahrzehnte von radioaktiv belasteten Lebensmitteln ernähren. Das ist eine andere Art von Strahlenbelastung, die wahrscheinlich viel weiter reichende Folgen hat als die Atombombenabwürfe.
Netzeitung: Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, dass es in Deutschland zu einem ähnlich schweren Unfall kommt?
Pflugbeil: Das kann jeden Tag passieren. Das ist keine politische Floskel, sondern eine technische Aussage. Deutsche Kernkraftwerke sind anders konstruiert als der Reaktor in Tschernobyl. Hier würde bei einer Kernschmelze radioaktives Material wahrscheinlich nur innerhalb eines Umkreises von wenigen hundert Kilometern verteilt, aber die Strahlenbelastung wäre deutlich höher. Zudem ist die Bevölkerungsdichte in Deutschland viel höher als in der Region um Tschernobyl. Es wären also mehr Menschen betroffen. Verschiedene Studien kommen zu Ergebnissen zwischen 1,4 und 12 Millionen Krebstoten. Und das sind nur die Pannen, die man sich vorstellen kann. In der Geschichte der Kernenergie sind aber immer wieder Pannen passiert, die man sich nicht vorstellen konnte.

