netzeitung.de«Tschernobyl kann sich jeden Tag wiederholen»

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Sebastian Pflugbeil (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Sebastian Pflugbeil
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Um die Zahl der Toten infolge des Reaktorunfalls in Tschernobyl wird gestritten. Im Interview mit der Netzeitung sagt ein Strahlenschutz-Experte, dass «alle Befunde aus den drei Ex-Sowjet-Republiken mit drei multipliziert» werden müssten.

Im September 2005 legte das Tschernobyl-Forum der Vereinten Nationen den Bericht «Tschernobyls Vermächtnis» vor. Das internationale Expertenteam kam zu dem Schluss, dass insgesamt rund 4000 Menschen an Auswirkungen des Reaktorunfalls im Jahr 1986 sterben werden.

Verschiedene Umweltorganisationen und unabhängige Experten kritisieren diesen Bericht jedoch als verharmlosend. Sebastian Pflugbeil, Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz (GS), sieht darin den Versuch, das wahre Ausmaß der Katastrophe zu vertuschen, um das Ansehen der Atomenergie nicht weiter zu schädigen.

Netzeitung: Werden wir jemals genau wissen, wie viele Menschen wegen des Reaktorunfalls in Tschernobyl erkrankten oder starben?

Pflugbeil: Wahrscheinlich nicht. Es gibt dazu den Bericht des Tschernobyl-Forums vom September 2005. Bemerkenswert daran ist, dass er anders lautende Zahlen enthält als die gleichzeitig herausgegebene Pressemitteilung. In der Langfassung wurde bei den zu erwartenden Todesfällen eine mehr als doppelt so hohe Zahl angegeben. In der Pressemitteilung wurden aber die rund sieben Millionen Menschen nicht berücksichtigt, die in den weniger betroffenen Gebieten in der Region lebten. Unter ihnen wird es voraussichtlich die meisten Opfer geben, doch die hat man weggelassen. Das ist gezielte Desinformation durch die beteiligten Organisationen.

Netzeitung: Die ukrainische Gesundheitsbehörde kommt zu einem noch höheren Ergebnis. Warum ist es so schwierig, die Opferzahl zu erfassen?

Pflugbeil: Die Regierung der damaligen Sowjetunion hat zunächst versucht, den Unfall geheim zu halten. Wichtige Informationen der ersten Jahre durften nicht aufgeschrieben werden, Berichte wurden vernichtet oder es wurden falsche Informationen aufgeschrieben. Heute kann man nur vage rekonstruieren, was damals eigentlich los gewesen ist.

Die Liquidatoren (Anmerkung der Red.: Aufräum-Arbeiter, meist Soldaten) wurden aus vielen Sowjet-Republiken nach Tschernobyl abkommandiert. Die Angaben, wie viele es gewesen sind, variieren zwischen 600.000 und einer Million. Von den drei betroffenen Ex-Sowjet-Republiken Ukraine, Weißrussland und Russland gibt es übereinstimmende Berichte, dass über 90 Prozent der Liquidatoren erkrankten. Bis heute sind aber nur etwa die Hälfte namentlich erfasst. Viele der Opfer können also nicht in den Büchern auftauchen. Zudem ist heute in diesen Staaten kein Geld vorhanden, um ordentliche Krankenregister zu führen.

Netzeitung: Wie stark ist die gesundheitliche Belastung der Bevölkerung außerhalb der Ex-Sowjetunion?

Pflugbeil: Die Vereinten Nationen bringen etwa alle zwei Jahre Handbücher heraus, in denen das Wissen über Strahlenprobleme präsentiert wird. 1988 erschien die erste Ausgabe mit Tschernobyl-Daten. Darin können Sie nachlesen, dass ungefähr zwei Drittel der medizinischen Schäden außerhalb der drei Ex-Sowjet-Republiken auftreten, mehr als die Hälfte in Westeuropa und der Rest in Asien und Nordamerika. Also muss man davon ausgehen, dass alle Befunde aus den drei Ex-Sowjet-Republiken mit drei multipliziert werden müssen, um zu den tatsächlichen Opferzahlen auf der gesamten Nordhalbkugel zu kommen. Das unterbleibt aber und wurde auch in dem Bericht des Tschernobyl-Forums verschwiegen.

Netzeitung: Wann wird der Fall Tschernobyl als abgeschlossen betrachtet werden können?

Pflugbeil: Vergleichen sie Tschernobyl mit Hiroschima und Nagasaki. Dort wurden 1945 Atombomben abgeworfen und bis heute werden die Auswirkungen erforscht. Die Gefährdung der Bevölkerung wird seit nunmehr sechzig Jahren von Studie zu Studie höher eingeschätzt. Einige Auswirkungen sind erst in den letzten zehn Jahren deutlich geworden, vor allem Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nervenerkrankungen und genetische Schädigungen.

In Tschernobyl ist die Anzahl der betroffenen Menschen viel größer, wie auch das Ausmaß der radioaktiven Verseuchung. In Hiroschima und Nagasaki sind grob fünfzig Kilogramm Spaltstoff verteilt worden, in Tschernobyl sind es ungefähr 200 Tonnen. Das Hauptproblem in dieser Region ist wahrscheinlich, dass sich Menschen über Jahrzehnte von radioaktiv belasteten Lebensmitteln ernähren. Das ist eine andere Art von Strahlenbelastung, die wahrscheinlich viel weiter reichende Folgen hat als die Atombombenabwürfe.

Netzeitung: Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, dass es in Deutschland zu einem ähnlich schweren Unfall kommt?

Pflugbeil: Das kann jeden Tag passieren. Das ist keine politische Floskel, sondern eine technische Aussage. Deutsche Kernkraftwerke sind anders konstruiert als der Reaktor in Tschernobyl. Hier würde bei einer Kernschmelze radioaktives Material wahrscheinlich nur innerhalb eines Umkreises von wenigen hundert Kilometern verteilt, aber die Strahlenbelastung wäre deutlich höher. Zudem ist die Bevölkerungsdichte in Deutschland viel höher als in der Region um Tschernobyl. Es wären also mehr Menschen betroffen. Verschiedene Studien kommen zu Ergebnissen zwischen 1,4 und 12 Millionen Krebstoten. Und das sind nur die Pannen, die man sich vorstellen kann. In der Geschichte der Kernenergie sind aber immer wieder Pannen passiert, die man sich nicht vorstellen konnte.


Sebastian Pflugbeil war Bürgerrechtler und Minister ohne Geschäftsbereich der DDR. Er studierte Physik und arbeitete nach der Tschernobyl-Katastrophe an einer Studie über die Kernenergiepolitik der DDR mit. Seit 1999 ist er Präsident der Gesellschaft für Strahlenschutz. Mit Sebastian Pflugbeil sprach Patrick Eickemeier