26. Apr 2006 08:58
Im Atomkraftwerk nahe der ukrainischen Stadt Tschernobyl ereignete sich vor 20 Jahren der bisher folgenschwerste Reaktorunfall. Die Katastrophe begann mit einem Sicherheitstest.
Die Techniker sollten testen, ob die Kühlwasserpumpen bei einem Stromausfall im Werk noch weiterlaufen könnten. Sicherheitssysteme mussten dazu abgeschaltet und der Reaktor auf ein Viertel seiner Leistung heruntergefahren werden. Doch die Leistung sank aus bisher ungeklärten Gründen auf etwa ein Hundertstel. Der Reaktor konnte dabei nicht stabil weiterlaufen und hätte abgeschaltet werden müssen.Doch die Techniker versuchten, die Leistung wieder hochzufahren, indem sie die Kühlung des Reaktors reduzierten. Schlagartig stiegen Leistung und Temperatur daraufhin um ein Vielfaches. Die Notabschaltung misslang. Die Techniker hatten die Kontrolle über den Reaktor verloren.
Im Reaktorkern verdampften große Mengen des Kühlwassers. Der Druck stieg an, bis es zu einer so genannten Dampfexplosion kam, die die 1000 Tonnen schwere Deckplatte des Reaktorgebäudes wegsprengte. Luft trat ein und es kam zu einer zweiten Explosion von gasförmigem Wasserstoff, der sich durch die Abspaltung von Sauerstoff aus dem Kühlwasser gebildet hatte.
Daraufhin fing die Graphit-Auskleidung des Reaktors Feuer. Die Brennstäbe überhitzten und schmolzen zusammen. In einem regelrechten Feuersturm wurden radioaktive Spaltprodukte aus der Kernschmelze in die Atmosphäre gesogen. Über zehn Tage traten große Mengen radioaktiven Materials aus. Über 200.000 Quadratkilometer der Ukraine, Weißrusslands und der damaligen Russischen Föderation wurden verseucht.
Durch den Abwurf von rund 5000 Tonnen Wärme dämmender und Strahlung absorbierender Materialien wie Sand, Ton oder Blei aus Hubschraubern und die Einleitung von Stickstoff konnte der Graphitbrand gelöscht und das Austreten radioaktiven Materials schließlich gebremst werden.
Im September 2005 legten Fachorganisationen der Vereinten Nationen einen gemeinsamen Bericht zu den gesundheitlichen Auswirkungen des Reaktorunglücks vor. Ein direkter Zusammenhang mit der beim Unfall freigesetzten Strahlung wurde demnach bis Mitte 2005 in weniger als 50 Todesfällen nachgewiesen. Die meisten Opfer gab es unter den rund 1000 Arbeitern und Helfern, die unmittelbar nach der Katastrophe starker radioaktiver Strahlung ausgesetzt waren. Insgesamt könnten 4000 Menschen an den Auswirkungen sterben, schließt der Bericht.Doch er wird vor allem von Atomkraftgegnern als verharmlosend kritisiert. So sind nach Angaben des ukrainischen Gesundheitsministerium bereits bis zum Jahr 2002 15.000 der Menschen gestorben, die an den Aufräumarbeiten beteiligt waren.
Trotz dieser Katastrophe beschloss die Regierung der Ukraine Ende 1993 die Blöcke 1 und 3 des Atomkraftwerks Tschernobyl zunächst weiter in Betrieb zu halten. Der Block 2 war nach einem Brand im Jahr 1991 abgeschaltet worden. Am 15. Dezember 2000 wurde schließlich der letzte Block 3 vom Netz genommen.