netzeitung.deTodesfälle nach Tschernobyl- Reaktorunfall beziffert

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Kernkraftwerk Tschernobyl (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Kernkraftwerk Tschernobyl
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Vor fast zwanzig Jahren kam es in Tschernobyl zu einem schweren Reaktorunfall. Jetzt liegt ein Bericht zu den Opferzahlen vor, der scharf kritisiert wird.

Der Reaktorunfall in Tschernobyl in der heutigen Ukraine könnte nach Einschätzung der World Health Organization (WHO) bis zu 4000 Menschenleben fordern. Bislang konnten aber nur wenige Todesfälle auf die frei gewordene radioaktive Strahlung zurückgeführt werden.
Verharmlosung vorgeworfen
Bis Mitte dieses Jahres ist erst bei 50 Todesfällen ein direkter Zusammenhang mit dem Unfall im Jahr 1986 nachgewiesen worden, heißt es in dem am Montag in Wien vorgelegten Bericht der UN-Organisation. Die meisten Opfer gab es unter den rund 1000 Arbeitern und Helfern, die unmittelbar nach der Katastrophe starker radioaktiver Strahlung ausgesetzt waren. Einiger dieser Helfer starben bereits wenige Monate nach dem Unglück, andere erst im vergangenen Jahr, teilte die International Atomic Energy Agency (IAEA) mit.

Die Organisationen «Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs» (IPPNW) und Greenpeace kritisieren den Bericht. Die IPPNW warfen der WHO eine enge Verbindung zur UN-Atombehörde IAEA vor, die die friedliche Nutzung der Atomenergie weltweit fördert. Einige Aussagen der UN-Behörden seien «nachweislich falsch». So leugneten sie den «massiven Anstieg an Schilddrüsenkrebsfällen bei Erwachsenen und die Anstiege bei anderen Krebsarten».

Greenpeace-Atomexperte Thomas Breuer sprach in Hamburg von einer «Verharmlosung der Reaktorkatastrophe, die dem Fass den Boden ausschlägt». Das ukrainische Gesundheitsministerium habe bereits 2002 von etwa 15.000 Todesopfern allein unter den Menschen gesprochen, die an den Aufräumarbeiten beteiligt waren.

Tödliche Krebserkrankungen
In ihrem 600 Seiten starken Report kommen die Experten zu dem Schluss, dass das Unglück keine schwerwiegenden, gesundheitlich negativen Folgen für die übrige Bevölkerung in der Umgebung der Atomkraftwerke haben dürfte. Auch habe man – mit Ausnahme einiger Gebiete – «keine weit reichende, radioaktive Verseuchung festgestellt, die eine ernste Bedrohung für die menschliche Gesundheit darstellen würde».

Allerdings gehen die Verfasser des Berichts davon aus, dass von den insgesamt mehr als 200.000 Menschen, die zwischen 1986 und 1987 in dem schwer verstrahlten Gebiet arbeiteten, «schätzungsweise 2200 an den Folgen der Verstrahlung sterben dürften». Von den etwa 4000 Menschen, überwiegend Kindern, die nach der Katastrophe an Schilddrüsenkrebs erkrankten, seien mindestens neun an den Folgen gestorben. Die Heilungsquote liege bei fast 99 Prozent.

In dem Bericht kommen die Experten zu dem Schluss, dass Armut und mit den Lebensumständen verbundene Krankheiten und psychische Erkrankungen in der früheren Sowjetunion eine weit größere Bedrohung für die örtliche Bevölkerung darstellen als die Strahlung. (nz)