06. Sep 2005 10:34, ergänzt 09. Sep 2005 15:07
Wie stark Schmerz empfunden wird, hängt vom Auslöser und persönlichen Erfahrungen ab. Doch auch die Erwartung beeinflusst die Intensität.
Ein Forscherteam um Robert Coghill von der Wake Forest University in Winston-Salem, North Carolina, hat zehn Freiwillige verschiedenen Schmerzreizen ausgesetzt. Die Probanden lernten, dass auf ein langes Signal ein starker Schmerzreiz folgte. Ein mittleres und ein kurzes Signal zeigten einen mittleren oder einen leichten Schmerz an. Eine Stelle am Bein der Probanden wurde für 20 Sekunden einer Temperatur von 50 Grad Celsius oder etwa 47,8 oder 46,1 Grad Celsius ausgesetzt. Bei diesen Temperaturen entstehen keine Verbrennungen.Nach diesem Training unterzogen die Wissenschaftler die Freiwilligen einem Test. Sie gaben 30 Signale und die folgenden Schmerzreize und zeichneten mithilfe eines bildgebenden Verfahrens auf, welche Bereiche im Gehirn der Probanden aktiv wurden. Auf etwa jedes dritte Testsignal ließen die Forscher jedoch einen stärkeren oder schwächeren Schmerzreiz folgen als den, den der Proband nach dem Training erwartete.
«Wir haben gesehen, dass die Erwartungen eine überraschend starke Wirkung auf den Schmerz hat», sagt Tetsuo Koyama aus Coghills Team. Geringere Erwartungen dämpften die Schmerzempfindung um knapp ein Drittel. Das gleiche der Wirkung einer Injektion des starken Schmerzmittels Morphin, sagt Koyama.Die Bilder der Hirnaktivität zeigten, dass bei der Erwartung und der späteren Empfindung teilweise die gleichen Bereiche aktiv waren. Die Forscher schließen daraus, dass es Hirnregionen gibt, die die Erwartungen mit der Wahrnehmung abgleichen. «Schmerz ist nicht nur das Ergebnis von Signalen aus einer verletzten Körperregion», sagt Coghill. Die Empfindung entstehe aus der Kombination dieser Signale mit individuellen Erfahrungen.
Die Forscher hoffen diese Hirnleistung für die Schmerzbehandlung von Patienten einsetzen zu können. Gelänge es, die entscheidenden Hirnregionen zu identifizieren, würden nicht-medikamentöse, auf Gedanken und Verhalten abzielende Therapien eher akzeptiert, erwartet Coghill. «Schmerz darf nicht nur mit Pillen behandelt werden», sagt der Mediziner. Das Gehirn könne die Schmerzempfindung verändern und diese Fähigkeit sollte ausgenutzt werden.