netzeitung.deLügendetektor fürs Hirn

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Hirnaktivität bei Messung eines evozierten Potenzials (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Hirnaktivität bei Messung eines evozierten Potenzials
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Evozierte Potenziale - Reaktionen des Gehirns auf bestimmte Reize - sollen in einem Gerichtsverfahren in Oklahoma die Wahrheit zeigen. Auch Pläne, damit Terroristen zu jagen, gibt es längst.

Ein neues und noch kaum erprobtes Analyseverfahren könnte in einem Mordprozess vor einem amerikanischen Gericht eine erhebliche Rolle spielen. Jimmy Ray Slaughter sitzt seit 1992 in einer Todeszelle in Oklahoma, weil er seine Freundin und seine elf Monate alte Tochter ermordet haben soll. Er bestreitet das, und zurzeit läuft sein Berufungsverfahren.

Als Beweis seiner Unschuld haben Slaughters Verteidiger eine Analysetechnik namens «Brain Fingerprinting» präsentiert. Bei dieser geht es weniger um einen Fingerabdruck des Gehirns, als mehr um ein spezielles Elektroenzephalogramm (EEG). Dabei wird die elektrische Aktivität als Reaktion auf bestimmte Reize gemessen – so genannte evozierte, also ausgelöste Potenziale.
Täterwissen
Slaughter wurden Informationen über den Tatort und den Fundort und Zustand der Leichen präsentiert, die nur jemand haben kann, der dort war und sie gesehen hatte. Gleichzeitig hatte er ein Elektrodenband am Kopf, welches das so genannte P300-Potenzial maß. Das Haus, in dem der Mord geschah, kannte Slaughter gut, seine Reaktionen auf die Tatinformationen seien daher umso eindeutiger gewesen, fand laut einem BBC-Bericht Larry Farwell, der die Untersuchung vornahm und eine Firma gegründet hat, die diese Technik erforscht und vertreibt.

«Jimmy Ray Slaughter wusste nicht, wo im Haus der Mord passiert war; er wusste nicht, wo der Körper der Mutter lag oder was sie anhatte, als sie starb – ein herausragender Fakt in diesem Fall», wird Farwell zitiert. In Slaughters Hirn hätten sich definitiv keine von den Informationen befunden, die der Mörder kennen müsse.

Farwell warb damit, dass Tests mit FBI-Agenten und Zivilisten mit «einhundertprozentiger Genauigkeit» ergeben hätten, wer beim FBI arbeitete und bestimmte Interna wusste und wer nicht.

Reizreaktion
P300 wird in der Psychologie die Darstellung einer bestimmten Gruppe von Signalen genannt, die am menschlichen Hirn gemessen werden können. Im EEG sind sie als große Welle zu erkennen. Diese gilt als Beleg für vom Gehirn als «wichtig» erkannte Reize. Daher ist sie nur zu beobachten, wenn Reize für den Betreffenden eine persönliche Bedeutung haben, wenn sie für die Person ungewohnt sind, oder sich von umgebenden Reizen, Straßenlärm im Hintergrund beispielsweise, stark unterscheiden.

Quelle der Ausschläge ist eine Erregungshemmung an den Spitzen der Pyramidenzellen in der Großhirnrinde. Diese Zellen sind Teil der willkürlichen, also bewusst steuerbaren Motorik. Wissenschaftler interpretieren, dass das Hirn nach einem relevanten Ereignis irrelevante Neuronen und damit eine Reaktion verhindert, eine Flucht zum Beispiel, nachdem es einen lauten Knall registrierte.

Die meisten Wissenschaftler sehen in der P300-Welle einen Indikator bestimmter Hirnaktivitäten, die mit Lernen und Erinnern zu tun haben. 300 Millisekunden nach einem Reiz – daher der Name P300, ist nach Meinung der Wissenschaft die unbewusste Reaktion auf ein Ereignis abgeschlossen und es beginnt die bewusste Verarbeitung. Je stärker dieses Potenzial ist, desto höher ist demnach die Bedeutung des präsentierten oder erinnerten Ereignisses für den Betreffenden. Je länger der Untersuchte braucht, um den dargestellten Reiz, beispielsweise ein Bild, zu untersuchen und einzuordnen, desto länger dauert es, bis das P300 gemessen werden kann.
Hirntraining
Im Gegensatz zu Lügendetektoren, die vor allem Herzschlag und Leitfähigkeit der Haut messen, können Hirnpotentiale vom Befragten sehr viel schwerer beeinflusst werden, da sie nur Millisekunden nach dem Ereignis auftreten. Doch möglich ist es. So werden solche Hirnpotenziale sehr erfolgreich genutzt, um vollständig gelähmten Menschen beizubringen, nur mit Gedanken einen Cursor auf dem Bildschirm zu steuern. Auch werden sie zum Beispiel durch psychische Störungen verändert, das EEG von Schizophrenen etwa zeigt keine P300-Welle.

«Es ist hochwissenschaftlich, Hirn-Fingerabdrücke haben nichts mit Emotionen zu tun, oder ob ein Mensch schwitzt oder nicht; sie messen lediglich, ob eine Information im Gehirn gespeichert wird», zitiert die BBC Farewell.

Suche nach Terroristen
Dessen Firma Brain Fingerprinting Laboratories hat daher erhebliche Hoffnungen, ihre Technik für verschiedenste Anwendungen zu verkaufen. Dabei wird auch daran gedacht, Terroristen «herauszufiltern», noch während sie einen Anschlag planen. Mit seiner Technik solle sich irrtumsfrei und objektiv die Existenz von Informationen im Gehirn nachweisen lassen, auch wenn der Überprüfte versucht, sein Wissen zu verbergen, zitiert das Online-Magazin «Telepolis» Farewells Überzeugungen.

Solches Täterwissen könnte aber auch auf ganz anderem Weg erworben worden sein. Nur ein Bild von Osama bin Laden zu präsentieren reicht daher sicher nicht, um einen Terroristen zu erkennen. Weltweit ist dieses Bild durch Medien verbreitet worden und hat für viele Menschen auch eine Bedeutung.

Reine Phantasie jedoch sind da Pläne der NASA und des Ministeriums für Innere Sicherheit, über die «Telepolis» berichtete: «Nichtinvasive neuro-elektrische Sensoren» wie Metalldetektoren an Flughäfen zu installieren und damit jeden böse gesinnten Menschen zu erkennen.


Für das Web ediert von Kai Biermann