05.02.2004
Herausgeber: netzeitung.de
Der Schädel des Kennewick-Manns
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Archäologen haben einen Rechtstreit gewonnen und dürfen nun die ungewöhnliche Physiognomie eines der ältesten Amerikaner untersuchen.
Vor etwa 9200 Jahren erlag ein etwa 45 Jahre alter Mann im Nordwesten der heutigen USA seinen Verletzungen durch ein Steingeschoss. Jahrtausende später lösten seine sterblichen Überreste einen Rechtstreit aus, in dem jetzt zugunsten der Wissenschaft und gegen die Religion entschieden wurde.
Keine zweifelsfreie BeziehungEin US-amerikanisches Berufungsgericht, vergleichbar den deutschen Oberlandesgerichten, hat gegen die Vertreter von vier Indianerstämmen entschieden, die die Herausgabe des so genannten «Kennewick-Manns» forderten. Seine Knochen befinden sich zur Zeit im Burke Museum der
University of Washington in Seattle. Die Indianer sehen in dem prähistorischen Amerikaner einen entfernten Verwandten, dessen sterbliche Überreste sie an einem geheimen Ort beisetzen wollen.
Doch für das Berufungsgericht fallen die Knochen nicht unter die Schutzbestimmungen des «Native American Graves Protection and Repatriation Act». Dazu bedürfe es einer Beziehung der sterblichen Überreste zu einem heute existierenden Stamm, die aber in den wenigen bislang erfolgten Untersuchungen nicht nachgewiesen werden konnte. Diese Entscheidung der Vorinstanz wurde nun vom Berufungsgericht bestätigt, meldete die Agentur AP am gestrigen Mittwoch.
Ungewöhnliche HerkunftDer Kennewick-Mann war im Jahr 1996 von Ausflüglern im Wasser des Lake Wallula, einem erweiterten Teil des Columbia Rivers, bei Kennewick im US-Bundesstaat Washington entdeckt worden. Bestimmte Merkmale seiner Knochen sprechen gegen die Theorie, dass Amerika über die Beringstraße nur aus dem nördlichen Asien besiedelt wurde. Der Kennewick-Mann könnte aus einer anderen Region stammen. Forscher vermuten seine Herkunft im südlichen Asien oder in Polynesien.
«Ich habe eine recht gute Vorstellung von seinem Aussehen von Fotos, die ich zuerst am 30. September 1996 sah», sagt Loring Brace, Anthropologe von der University of Michigan. Er will die Knochen noch genau vermessen, vertritt aber bereits die Vermutung, dass der Kennewick-Mann aus der Gegend des heutigen Japans stammt. Von dort aus hätten Menschen das heutige Taiwan, Südamerika und die nordwestliche Küste Nordamerikas besiedelt. Mit dem Entscheid des Berufungsgerichts erhalten Forscher nun die Möglichkeit, diese Abstammungsthese zu überprüfen.