16.10.2003
Herausgeber: netzeitung.de
Blaumeisenweibchen
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Blaumeisenweibchen finden oft nicht den idealen Partner. Doch um den Genpool der Nachkommen aufzubessern, bleibt ihnen eine Möglichkeit: fremdgehen.
Singvogeleltern, die als Paar ihre Jungen aufziehen, galten lange Zeit als vorbildliche «Eheleute». Doch offenbar sorgen Blaumeisen durch Fremdgehen für überlebenstüchtigere Nachkommen. Die weibliche Promiskuität bei den vermeintlich monogamen Vögeln erhöht die genetische Vielfalt der Brut.
Außerpaarliche KopulationForscher der
Max Planck Forschungsstelle für Ornithologie in Seewiesen und vom
Zoologischen Museum in Oslo haben über vier Jahre das soziale Paarungsmuster und die genetische Vaterschaft von Blaumeisen-Gelegen untersucht. Zudem bestimmten die Forscher durch eine DNA-Analyse die Heterozygosität der Jungvögel, ihre individuelle genetische Vielfalt.
Wie die Ornithologen in der heutigen Ausgabe des Magazins «Nature» berichten, sind die so genannten «außerpaarlichen Kopulationen» der Blaumeisen evolutionär von Vorteil. Männchen, die nicht in der näheren Umgebung des Weibchens brüten, zeugen Junge, deren genetisches Material vielfältiger ist als das ihrer «regulär» gezeugten Halbgeschwister.
«Gute Gene»Die Männchen profitieren offensichtlich durch die Vermehrung ihrer Nachkommenschaft. Dagegen ist die Bedeutung der Promiskuität für die Weibchen schwerer zu erkennen: Bezüglich der Anzahl der Nachkommen gibt es für sie keinen Anreiz. Evolutionsbiologen haben jedoch nachgewiesen, dass die genetische Qualität der Nachkommen ihr Überleben und ihren Fortpflanzungserfolg bestimmt.
Die Weibchen suchen also einerseits Partner mit «guten Genen», die ihre Träger gesünder oder attraktiver machen. Nachkommen mit einem stärkeren Körperbau, erhöhter Vitalität, einer besseren Abwehr von Krankheitserregern oder einer höheren Attraktivität als Paarungspartner werden die Gene erfolgreich weitergeben können.
Andererseits sind nicht nur einzelne Gene von Vater und Mutter wichtig, sondern auch ihre Kombination bestimmt die Fitness der Nachkommen, teilte die Max-Planck-Gesellschaft mit. Die Jungen genetisch ähnlicher Partner haben aufgrund ihrer geringen Heterozygosität oft nur geringe Überlebens- und Fortpflanzungschancen. Weibchen sollten daher nicht nur nach «guten Genen» suchen, sondern auch nach ihnen nicht ähnlichen Partnern.
Entfernte NachbarnDie Max-Planck-Forscher konnten in ihrer Untersuchung zeigen, dass außerpaarlich gezeugte Jungvögel stärker heterozygot waren als ihre vom sozialen Vater gezeugten Halbgeschwister. Etwa die Hälfte der außerpaarlichen Jungen stammten von Vätern, die nicht in der direkten Nachbarschaft der Mutter brüteten. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass entfernt brütende Männchen einem Weibchen immer weniger verwandt sind als sein sozialer Partner und seine nächsten Nachbarn. Aufgrund dieser genetischen Populationsstruktur können Blaumeisenweibchen sicher sein, dass außerpaarliche Kopulationen mit fremden Männchen zu Nachkommen führen, die von höherer genetischer Vielfalt sind als die Jungen des sozialen Partners. (nz)