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Übermenschen für das Pentagon

03. Sep 2003 12:13
Vom Soldaten zum Superman - eine ernst gemeinte Powerpoint-Vision der Darpa
Foto: Darpa
Das schwächste System in einem Krieg ist der Mensch. Das Pentagon will aus Soldaten mit Hilfe von Drogen, Genen und Mikrochips nimmermüde Kampfmaschinen machen.

Amerikanische Soldaten, so heißt es in einer Vision des Pentagon für das Jahr 2020, müssten «schneller, tödlicher und präziser» werden – ein Motto, dem sich das Forschungszentrum des Pentagon, die Darpa (Defense Advanced Research Projects Agency), mit viel Geld und Know-How widmet.

Das größte Problem in einem Gefecht ist – neben der Friktion, wie der Militärtheoretiker Carl von Clausewitz die Reibungsverluste zwischen den einzelnen handelnden Teilen nannte – der Mensch: Soldaten werden müde, sie bekommen Hunger, sind unkonzentriert, wollen Geld oder werden erschossen. All diese Nachteile will die Darpa mindern, indem sie nicht nur die Ausrüstung stabiler macht, sondern auch die Soldaten.

Original-Dokument:
Der Name für diesen Forschungszweig lautet «Military Bioengeneering», ein Konzept, welches vor kurzem auf einer Konferenz in Washington D.C. ausführlich diskutiert wurde. Das Ziel heißt «Human Enhancing», Soldaten sollen schneller, härter und kampffähiger werden.

Schmerzlos, stressfrei, nimmermüde

Eines der aktuellen Darpa-Programme beschäftigt sich daher damit, Menschen für Schmerz unempfindlich zu machen, so schnell wie möglich Blutungen zu stoppen und Wunden zu schließen. Dabei geht es nicht um Heilung, sondern um Kampffähigkeit: Mit abgerissenem Arm und Kugel im Bauch sollen die Soldaten weiterstürmen können, weil sie nichts davon spüren.

Um den Kampfstress und dessen psychologische Folgen besser zu verkraften, wird – nicht von der Darpa, aber von anderen durch das Pentagon beauftragte Forschungszentren – nach Substanzen gesucht, die den «Shell Shock» verhindern oder mindern. So ist Acetylcholinesterase (AChE) ein Enzym, welches bei der Entwicklung des Posttraumatischen-Stress-Syndroms eine Rolle spielt und dessen Kontrolle Soldaten nicht nur im Gefecht stabiler und handlungsfähiger machen würde; sie bräuchten anschließend auch nicht so intensive Betreuung.

Auch um andere Probleme kümmert man sich bei der Darpa, Müdigkeit zum Beispiel. Ein Programm mit dem Titel «Continuous Assisted Performance» will «mit biotechnologischen Mitteln (Implantaten, Manipulation des Stoffwechsels, etc.)» erreichen, dass Soldaten bis zu sieben Tage lang wach bleiben können, ohne dabei den Verstand zu verlieren.

Erste, vergleichsweise harmlose Versuche macht die amerikanische Luftwaffe seit Jahren und verordnet ihren Piloten die Einnahme von Amphetaminen. Auf solchen medikamentösen oder auch genetischen Wegen sollen künftig auch Muskel- und Ausdauerkraft der Soldaten erhöht werden – «Metabolic Dominance and Engeneered Tissue» heißt das Projekt.

Bessere soldatische Leistungen ließen sich auch durch intensiveres Training, bessere Bezahlung und weniger stressenden Dienst erreichen, doch scheinen dem Pentagon diese Möglichkeiten ausgereizt oder nicht effektiv genug.

Gedankenkontrolle

Noch viel weiter geht ein Programm, für das der Darpa zurzeit 24 Millionen Dollar zur Verfügung stehen. Ziel von «Brain Machine Interfaces» (Hirn-Maschine-Schnittstellen) ist es, aus menschlichen Gehirnen Informationen zu gewinnen, die für Computer verwertbar sind – Chips im Kopf sollen Panzer oder Hubschrauber oder auch den Soldaten steuern, dem sie implantiert wurden.

Original-Dokument:
In einer Rede, die der damit beschäftigte Darpa-Forscher Eric Eisenstadt im vergangenen Jahr hielt, sagte er: «Stellen Sie sich eine Zeit vor, in der Soldaten allein mittels Gedanken kommunizieren, stellen sie sich eine Zeit vor, in der menschliche Gehirne ihre eigenen drahtlosen Modems besitzen – statt auf der Basis von Gedanken zu handeln, haben Kampfflugzeuge dann Gedanken, die handeln.»

Mehr in der Netzeitung:
  • Ferngesteuerte Ratten als Minensucher 02. Mai 2002 15:09, ergänzt 16:02
  • Weit entfernt davon sind die Forscher nicht mehr, Ratten zum Beispiel können sie bereits fernsteuern. Im Mai vergangenen Jahres wurde in der Zeitschrift «Nature» Roborat vorgestellt. So nennt die Darpa das lebende Tier, welches mittels dreier Elektroden im Hirn «gesteuert» werden kann. Doch das, so Eisenstadt, sei nur der erste Schritt. Viel interessanter ist es für die Forscher, Daten aus den Gehirnen auszulesen und so zu erfahren, was dort gesehen, gerochen oder sogar gedacht wird.

    Eisenstadt: «Wer weiß ... wenn wir das Hirn belauschen können, können wir möglicherweise Betrug von Ehrlichkeit unterscheiden, Wahrheit von Erfindung. Was für ein Lügendetektor wäre das!»

    Mehr im Internet: Artikel
    Die amerikanische Journalistin Cheryl Seal überschrieb einen Artikel über diese Darpa-Projekte mit dem Titel «Frankensteins in the Pentagon». Im «Boston Globe» dagegen lobte Gareth Cook die Möglichkeit, durch solche Basisforschung in Zukunft Krankheiten heilen zu können. Doch sind diese Anwendungen eher zufällige Nebenprodukte der Darpa-Arbeit und deren ethische Effekte werden kaum diskutiert.

    «Es ist wichtig, Horizonte zu haben, die mehr als drei Jahre überblicken und die Chance zu besitzen, kühne Ideen auszuprobieren», sagte Tomaso Poggio der Zeitung «The Sun Herald». Er ist einer der Wissenschaftler, der im Darpa-Auftrag am Massachusetts Institute of Technology (MIT) mit dem Brain Machine Interface-Programm befasst ist. Forschungs-Finanziers, die «traditioneller» denken als die Darpa, sagt er, seien oft so furchtbar «konservativ».

     
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