23.05.2003
Herausgeber: netzeitung.de
Bald ein riesiger See mit Inseln: Drei-Schluchten-Staudamm (Baustelle links an der Flussenge).
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Für viele Biologen ist der größte Staudamm der Welt schlicht eine Umweltkatastrophe. Doch chinesische Kollegen sprechen von einer einmaligen Chance für die Wissenschaft.
Kaum ein Technologieprojekt hat weltweit bei Umweltorganisationen und Wissenschaftlern so viel Protest ausgelöst wie der Drei-Schluchten-Staudamm in China. Für den Bau muss bis Ende 2003 ein Gebiet größer als die Schweiz geräumt werden, Millionen Tiere und Pflanzen werden einer Sintflut zum Opfer fallen. Doch der Wissenschaft könnte die Zerstörung von Lebensraum einmalige Erkenntnisse bringen - so zumindest argumentieren chinesische Biologen.
Evolutionsforschung für den Umweltschutz«Wir betrachten den Staudamm als eine außergewöhnliche Chance für ein großräumiges Experiment. Erkenntnisse über die Entwicklung von Artenreichtum und Ökosystemen können in der Region und anderswo dem Umweltschutz dienen», schreibt eine Forschergruppe von der chinesischen
Akademie der Wissenschaften im Magazin «Science».
Zwar würden durch den Staudamm Pflanzen- und Tierarten, darunter auch der ausschließlich im Jangtsekiang vorkommende chinesische Flussdelphin, gefährdet. Es sei aber auf diese Weise kontrolliert möglich, die Folgen von Isolierung und Verlust des Lebensraumes als Evolutionsfaktoren zu dokumentieren, so die Forscher.
Berggipfel werden zu InselnBaustelle des Dreischluchten-StaudammesFoto: US Energy Information AdministrationGrundlage der erhofften Erkenntnisse ist das im voraus entworfene Szenario einer gigantischen Überschwemmung: In Sandouping in Zentralchina, einer ökologisch extrem vielfältigen Gegend mit Tausenden Pflanzen- und Tierarten, wird bis Ende dieses Jahres der mit 2335 Metern Länge und 185 Metern Höhe größte Staudamm der Welt, der
Three Gorges Dam (Drei-Schluchten-Staudamm) gebaut. Das gestaute Wasser des Jangtsekiang wird sich in einen See ergießen, der mehr als hundert Berggipfel zu künstlichen Inseln werden lässt.
Diese Inseln, so der Biologe Jianguo Wu, könnten aufgrund ihrer isolierten Lage eine ideale Umgebung für Evolutionsstudien sein. So könne man etwa beobachten, wie sich Tierarten innerhalb eines schlagartig veränderten Lebensraumes den neuen Bedingungen anpassen oder aussterben. Folgen der Veränderung seien messbar an einer verschobenen Nahrungskette, geringerer Artenvielfalt oder möglichen Neuentwicklungen in der dann entstandenen Uferzone.
Mehr Schaden als NutzenDa geplante Experimente dieser Art «wegen gesetzlicher Verbote, moralischer Bedenken oder aus sonstigen Gründen» sonst nicht möglich seien, biete die nun einmal beschlossene künstliche Überschwemmung eine einmalige Gelegenheit, so die Forscher. Umweltrisiken künftiger Staudammprojekte könnten durch die empirisch gewonnenen Daten weltweit besser eingeschätzt werden.
Diese Überlegungen seien zwar «im Prinzip nicht falsch», so die Ökologin Juliane Filser von der Universität Bremen zur Netzeitung, «doch der Nutzen steht in keinem Verhältnis zum Schaden, den der Staudamm anrichtet». Weltweit gäbe es schon genügend Beispiele für Umweltzerstörung, natürlich oder von Menschen verursacht.
Unerträglicher Gestank«Nehmen Sie die Austrocknung des Aralsees oder die Rodung des tropischen Regenwaldes oder auch nur den Bergbau in Ostdeutschland. Diese Brennpunkte sind wissenschaftlich, also in den dort laufenden Untersuchungen zu möglichen Auswirkungen auf die Evolution, bei weitem nicht ausgeschöpft.»
Gerade artenreiche Gegenden seien auch aus evolutionsbiologischer Perspektive besonders schützenswert, selbst wenn so ein 'Experiment' wissenschaftlich betrachtet reizvoll sein kann, so Filser weiter. Zudem seien die ökologischen Folgen der Überschwemmung kaum absehbar. So könnte sich etwa durch die große Menge an toten Organismen am Grund des Stausees ein unerträglicher Gestank bilden und «ein Paradies für Bakterien und Ungeziefer entstehen».
Zwei Millionen Menschen umsiedelnDie chinesischen Biologen sehen in den ökologischen Bedenken offenbar kein Hindernis, die Auswirkungen der programmierten Umweltkatastrophe für ihre Forschungen zu nutzen. «Der weltgrößte Staudamm ist nicht nur eine Demonstration der menschlichen Macht er sollte auch eine einzigartige Informationsquelle zum Verständnis und der Bewahrung von Ökosystemen werden», schreiben Jianguo Wu und seine Kollegen.
Nach Informationen von Greenpeace mussten bislang mehr als eine halbe Million Menschen ihre Häuser für den Drei-Schluchten-Staudamm räumen, bis 2008 sollen es insgesamt zwei Millionen sein. 19 Kreisstädte und über 13.000 Dörfer werden innerhalb der nächsten sechs Jahre überflutet.
Einwände zurückgewiesenDie weltweit geäußerten ökologischen Einwände hat die chinesische Regierung bisher stets zurückgewiesen. Hauptargument ist der Strom, den die Turbinen des Staudamms ab Ende 2003 produzieren sollen. Dadurch müssten rund 40 Millionen Tonnen Kohle weniger pro Jahr verfeuert werden. (nz)
Baustelle des Drei-Schluchten-Staudamms. Satellitenbild: Nasa