Von Richard Friebe
Am heutigen Donnerstag werden viele Planetenforscher und Geologen in ihren Teepausen wahrscheinlich nur ein Thema haben: einen Artikel von David Stevenson vom California Institute of Technology in Passadena.Viel Eisen, viel Sprengstoff
Die Zutaten, die Stephenson für die Reise zum Mittelpunkt der Erde zu brauchen glaubt, sind eine Bombe mit einer Explosivkraft von «ein paar Megatonnen», 1.000.000 bis 100.000.000 Tonnen geschmolzenes Eisen und eine Sonde von der Größe einer Pampelmuse. All das wäre theoretisch und praktisch verfügbar. Die paar Megatonnen Sprengkraft könnte eine Atombombe zur Verfügung stellen. Stevenson schreibt jedoch in seinem Artikel, dass die Reise auch ohne Nuklearexplosion mit konventionellem Sprengstoff losgehen könnte, wenn man sich eine Stelle auf der Erde aussuchen würde, wo der Erdmantel besonders labil ist. Eine Woche bis zum Kern
Mitten in dem riesigen Eisen-See könnte eine Sonde aus speziellem schmelzsicherem Material die Reise zum Mittelpunkt der Erde antreten. Sie müsste nicht größer sein als eine Grapefruit, hätte Messinstrumente für Temperatur, elektrische Leitfähigkeit und chemische Zusammensetzung «an Bord». Die Daten, die die Sonde sammelt, könnten als Schallwellen zu einer Empfangsstation an der Erdoberfläche gesendet werden. Etwa eine Woche würde es dauern, bis die Sonde den Erdkern erreicht hätte. Das hat zumindest Stevenson errechnet. Sie würde, getrieben von der Schwerkraft so lange nach unten sinken, bis sie außen auf dem wieder festen, innersten Kern der Erde zu liegen käme. «Bescheidener Vorschlag»
Aber im Inneren der Erde laufen Prozesse ab, die Forscher seit Jahrhunderten zu ergründen versuchen. Beispielsweise glaubt man, das Ströme flüssigen Metalls das Erdmagnetfeld erzeugen, dass das Leben auf der Erde vor kosmischer Strahlung schützt. Aber nachschauen konnte man bisher eben nicht. Mit Bohrungen sind Geologen bis heute nicht viel weiter als zehn Kilometer unter die Eroberfläche vorgedrungen. Eines davon gibt es im deutschen Windisch Eschenbach, derzeit etwa neun Kilometer tief. Der Geologe und Planetenforscher Klaus Mezger von der Universität Münster nennt Setevensons Vorschlag «phantastisch - im Sinne von 'hochinteressant' aber auch 'ziemlich unrealistisch'». Theoretisch könne die Methode funktionieren, allerdings sei keineswegs garantiert, dass die von Stevenson errechneten Eisenmengen ausreichen würden. «Vielleicht reagiert das Eisen starkt mit dem Silikatmantel, braucht sich also schnell auf, noch bevor der Kern erreicht ist», so Mezger zur Netzeitung. Auch das Material für die Sonde selbst sei ein Problem. In Frage kämen Metalle mit hohem Schmelzpunkt wie Platin oder Wolfram. Damit diese nicht vom umgebenden Eisen zerfressen werden, müsste allerdigs wahrscheinlich auch dieses mit den seltenen, teueren Metallen gesättigt sein. Auch Mezger hat «keine Ahnung, wo man das alles herkriegen soll.» Für Stevenson ist trotz aller logistischer und vielleicht auch sachlicher Schwierigkeiten «die Zeit gekommen, aktiv zu werden». So lautet zumindest der letzte Satz seines Artikels in «Nature». Auf die Frage, ob er wirklich glaubt, dass sein Vorschlag realistisch ist, antwortete er allerdings dem Online-Magazin derselben Zeitschrift eher zurückhaltend: Er wäre trotz stimmiger Theorie «offengestanden überrascht, wenn das wirklich funktionieren würde». Und auch sein deutscher Kollege Mezger sagt: «Je mehr ich drüber nachdenke, umso lustiger finde ich es.»
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