netzeitung.deTschernobyl-Würmer ändern Sexualverhalten

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Der Reaktor von Tschernobyl kurz nach der Katastrophe. (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Der Reaktor von Tschernobyl kurz nach der Katastrophe.
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Der Reaktorunfall von Tschernobyl scheint das Liebesleben einiger Wurmarten verändert zu haben. Über diese bislang unbekannte Spätfolge berichten jetzt ukrainische Wissenschaftler.

Eine auffällige Veränderung im Sexualverhalten von Würmern in einem See nahe Tschernobyl haben ukrainische Wissenschaftler festgestellt. Die Tiere, die sich sowohl sexuell als auch asexuell fortpflanzen können, vermehren sich häufiger geschlechtlich als ihre Artgenossen in einem weiter entfernten See. Wie das Magazin «New Scientist» berichtet, könnte diese Fortpflanzungsstrategie helfen, die Folgen der Strahlenbelastung nach dem Reaktorunfall zu minimieren.
Höhere Belastung
Gennadi Polikarpov und seine Kollegin Victoria Tsytsungina vom Institut für Biologie der südlichen Meere in Sewastopol untersuchten drei Wurmarten in einem See nahe Tschernobyl sowie in einem 20 Kilometer entfernten Gewässer. Beide Seen ähneln einander in Temperatur und chemischer Zusammensetzung, im Gefolge der Reaktorkatastrophe vor 17 Jahren war der Tschernobyl-See jedoch einer um das 20-fache höheren Strahlenbelastung ausgesetzt.

Wie die Wissenschaftler im Fachmagazin «Journal of Environmental Radioactivity» berichten, untersuchten sie Würmer der Spezies Nais pardalis, Nais pseudobtusa und Dero obtusa. Alle drei Wurmarten bevorzugen normalerweise die ungeschlechtliche Fortpflanzung. Bei zwei der Arten in dem Tschernobyl-See scheint sich diese «Vorliebe» jedoch abzuschwächen: Während sich in dem entfernteren See nur 5 Prozent von Nais pardalis und 10 Prozent von Nais pseudobtusa geschlechtlich vermehrten, lagen die Werte in dem stärker belasteten See bei 22 respektive 23 Prozent.

Besserer Schutz
Nach Ansicht von Polikarpov und Tsytsungina könnte die Änderung des Sexualverhaltens den Tieren einen besseren Schutz vor den Folgen der radioaktiven Strahlung bieten. Bei der sexuellen Fortpflanzung mische sich das Erbgut, wobei es zur natürlichen Auslese jener Gene komme, die einen besseren Schutz vor der Strahlung bieten. «Dadurch erhöht sich die Widerstandskraft der gesamten Population», zitiert das Wissenschaftsmagazin «New Scientist» den Forscher.

Wie sich der Befund zu Dero obtusa in dieses Bild einfügt, ist allerdings noch unklar. Diese Art zeigte ebenfalls eine signifikante Änderung ihres Sexualverhaltens – allerdings in die andere Richtung: Bei ihr stieg der Anteil an ungeschlechtlicher Fortpflanzung in der belasteten Umgebung sogar noch an.


Für das Web ediert von Thomas Trösch