Orang-Utans sind Kulturwesen
03.01.2003
Herausgeber: netzeitung.de
Zu diesen 'kulturellen Leistungen' zählt etwa die Benutzung von bestimmten Blättern als Handschuh oder 'Serviette', der Bau von Sonnenschutz-Dächern für die Baum-Nester der Tiere oder der Einsatz von Zweigen als Fliegenklatsche. Neben diesen für das Überleben offensichtlich sinnvollen Verhaltensweisen zeigt sich in manchen Orang-Utan-Gruppen auch eine Art Spaß- und Freizeit-Kultur. Die Tiere machen beispielsweise prustende Geräusche vor dem Einschlafen oder «surfen» auf den Stämmen abgestorbener Bäume, die sie zum Umfallen bringen, nur um kurz vor dem Aufschlagen auf dem Boden einen Ast zu ergreifen und ins Blätterdach zurück zu schwingen.
Orang-Utans sind im Vergleich zu Schimpansen oder Gorillas ziemliche Einzelgänger. Allerdings sind manche Populationen etwas sozialer als andere. Die Bandbreite an kulturell weiter gegebenen Verhaltensweisen scheint in den Gruppen, in denen die Individuen stärker miteinander interagieren, deutlich größer zu sein
Ältere Definitionen bezeichnen 'Kultur' als das Spektrum der Eigenschaften und Fähigkeiten, die Menschen von Tieren unterscheiden. Erst in jüngster Zeit haben Wissenschaftler auch bei Schimpansen in bestimmten Gruppen über Generationen weiter gegebene Verhaltensweisen identifiziert. Da sich die Entwicklungslinien von Mensch und Schimpanse wahrscheinlich vor etwa sieben Millionen Jahren trennten, nahm man an, dass auch die Fähigkeit zu einfachen kulturellen Leistungen etwa zu diesem Zeitpunkt ihren Anfang nahm.
Die Ergebnisse werden am heutigen Freitag in «Science» veröffentlicht.
Der Evolutionspsychologe Michael Tomasello vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie meint, die Ergebnisse von van Schaiks Team müssten jetzt mit mehr wissenschaftlicher Substanz unterfüttert werden. Wenn Forscher ihre Beobachtungen verglichen, sei dies «eine exzellente Möglichkeit, um Hypothesen aufzustellen.» Das könne allerdings «nur der erste Schritt» sein, so Tomasello gegenüber dem Online-Magazin von «Science».
Der wirkliche «harte» wissenschaftliche Beweis für die Existenz der Orang-Utan-Kulturen steht also nach Ansicht Tomasellos noch aus. Auch van Schaik gibt zu, dass jetzt ausgiebige Feldarbeit nötig sein wird, beispielsweise eine detaillierte und mit vergleichbaren Methoden zustande kommende Auflistung, welche Verhaltensweisen in welchen Gruppen vorkommen und in welchen Gruppen sie fehlen. Hier allerdings gibt es ein ganz praktische Problem: Durch Jagd und Zerstörung von Lebensraum sind bereits heute einige der Gruppen, deren Verhalten mit in die Untersuchung einbezogen wurde, verschwunden. Die Zerstörung des Lebensraumes schreitet auch derzeit weiter fort. Mit den Gruppen der Menschenaffen wird auch deren Kultur unwiederbringlich ausgelöscht.
Für das Web ediert von Richard Friebe

