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Orang-Utans sind Kulturwesen

03. Jan 2003 09:05
Kultureller Werkzeug-Gebrauch: Ein Oran-Utan raubt Honig aus dem Nest einer stachellosen Bienen-Art.
Handschuhe, Sonnenschirme - und Baum-Surfen in der Freizeit. Schon Orang-Utans zeigen Verhaltensweisen, auf die die Definition von Kultur passt.

Bilderschau:
Schon die mit Homo sapiens am entferntesten verwandten Menschenaffen zeigen in verschiedenen Populationen unterschiedliche Verhaltensweisen, die Anthropologen nicht anders denn als 'Kultur' bezeichnen können.

Servietten und Sonnenschutz

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  • Auf Einladung von Carel van Schaik von der Duke University in Durham, North Carolina, trafen sich kürzlich Feldforscher, die auf Sumatra und Borneo teilweise über Jahrzehnte Orang-Utans beobachtet hatten. Sie verglichen anhand von Aufzeichnungen und Videos das Verhalten der Tiere in verschiedenen Gegenden. Am Ende des dreitägigen Treffens hatten die Forscher 24 Verhaltensweisen identifiziert, die nur in bestimmten Populationen durch Imitation gelernt und über die Generationen weiter gegeben werden.

    Zu diesen 'kulturellen Leistungen' zählt etwa die Benutzung von bestimmten Blättern als Handschuh oder 'Serviette', der Bau von Sonnenschutz-Dächern für die Baum-Nester der Tiere oder der Einsatz von Zweigen als Fliegenklatsche. Neben diesen für das Überleben offensichtlich sinnvollen Verhaltensweisen zeigt sich in manchen Orang-Utan-Gruppen auch eine Art Spaß- und Freizeit-Kultur. Die Tiere machen beispielsweise prustende Geräusche vor dem Einschlafen oder «surfen» auf den Stämmen abgestorbener Bäume, die sie zum Umfallen bringen, nur um kurz vor dem Aufschlagen auf dem Boden einen Ast zu ergreifen und ins Blätterdach zurück zu schwingen.

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  • All diese Verhaltensweisen finden sich nur in bestimmten Gruppen. Andere Orang-Utans, die in vergleichbaren Lebensräumen leben - und denen beispielsweise der Einsatz einer Fliegenklatsche durchaus dienlich sein könnte – müssen ohne deren Einsatz auskommen. «Das zeigt, dass wir es hier mit Kultur zu tun haben, und nicht mit ökologisch bedingten Unterschieden», sagt van Schaik.

    Orang-Utans sind im Vergleich zu Schimpansen oder Gorillas ziemliche Einzelgänger. Allerdings sind manche Populationen etwas sozialer als andere. Die Bandbreite an kulturell weiter gegebenen Verhaltensweisen scheint in den Gruppen, in denen die Individuen stärker miteinander interagieren, deutlich größer zu sein

    Ältere Definitionen bezeichnen 'Kultur' als das Spektrum der Eigenschaften und Fähigkeiten, die Menschen von Tieren unterscheiden. Erst in jüngster Zeit haben Wissenschaftler auch bei Schimpansen in bestimmten Gruppen über Generationen weiter gegebene Verhaltensweisen identifiziert. Da sich die Entwicklungslinien von Mensch und Schimpanse wahrscheinlich vor etwa sieben Millionen Jahren trennten, nahm man an, dass auch die Fähigkeit zu einfachen kulturellen Leistungen etwa zu diesem Zeitpunkt ihren Anfang nahm.

    Bedrohte Menschenaffen

    Mehr im Internet:
    Der logische Schluss aus den jetzt für die Orang-Utans vorliegenden Ergebnissen ist für van Schaik, dass erste kulturell weitergegebene Verhaltensweisen schon mindestens vor 14 Millionen Jahren existierten. Zu diesem 'Zeitpunkt' etwa haben sich die evolutionären Linien der Vorfahren von Schimpanse und Orang-Utan getrennt.

    Die Ergebnisse werden am heutigen Freitag in «Science» veröffentlicht.

    Der Evolutionspsychologe Michael Tomasello vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie meint, die Ergebnisse von van Schaiks Team müssten jetzt mit mehr wissenschaftlicher Substanz unterfüttert werden. Wenn Forscher ihre Beobachtungen verglichen, sei dies «eine exzellente Möglichkeit, um Hypothesen aufzustellen.» Das könne allerdings «nur der erste Schritt» sein, so Tomasello gegenüber dem Online-Magazin von «Science».

    Der wirkliche «harte» wissenschaftliche Beweis für die Existenz der Orang-Utan-Kulturen steht also nach Ansicht Tomasellos noch aus. Auch van Schaik gibt zu, dass jetzt ausgiebige Feldarbeit nötig sein wird, beispielsweise eine detaillierte und mit vergleichbaren Methoden zustande kommende Auflistung, welche Verhaltensweisen in welchen Gruppen vorkommen und in welchen Gruppen sie fehlen. Hier allerdings gibt es ein ganz praktische Problem: Durch Jagd und Zerstörung von Lebensraum sind bereits heute einige der Gruppen, deren Verhalten mit in die Untersuchung einbezogen wurde, verschwunden. Die Zerstörung des Lebensraumes schreitet auch derzeit weiter fort. Mit den Gruppen der Menschenaffen wird auch deren Kultur unwiederbringlich ausgelöscht.

     
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