Den Norden im Blick
04.10.2002
Herausgeber: netzeitung.de
Rotkehlchen orientieren sich mit dem rechten Auge.
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Rotkehlchen «sehen» den Norden mit dem rechten Auge. Wie sich die Tiere am irdischen Magnetfeld orientieren, haben Wissenschaftler jetzt untersucht.
Der Magnetsinn hilft Zugvögeln im Frühjahr wieder in heimische Gefilde zurück zu finden. Forscher haben jetzt heraus gefunden, wie Rotkehlchen den Norden orten können: Die Tiere nehmen das Magnetfeld der Erde über das rechte Auge wahr.
«Händigkeit» des GehirnsFür ihre Untersuchungen fingen Wolfgang Wiltschko von der Universität Frankfurt und seine Kollegen Rotkehlchen (
Erithacus rubecula) ein, die gerade auf dem Weg gen Norden waren. «Das Experiment, das wir dann mit den Vögeln gemacht haben war eigentlich trivial», so Onur Güntürkün, einer der beteiligten Forscher.
Die Wissenschaftler sperrten die Rotkehlchen in einen Trichter, der am Boden mit Papier ausgekleidet war. Vor lauter «Zugunruhe» hinterließen die gefangenen Vögel auf dem Papier ihre Kratzspuren. An den Kratzspuren ließ sich erkennen: Die Rotkehlchen wollten nach Norden ziehen.
Auf dem linken Auge blindIn einem zweiten Durchgang des Versuchs legten die Verhaltensforscher den Rotkehlchen Augenklappen an. Wurde das linke Auge abgedeckt, zeigten sich die bereits bekannten Kratzspuren auf dem Papier. Wurde hingegen das rechte Auge verbunden, so hatten die Vögel keinerlei Orientierung: Sie wussten nicht, wo Norden war, ihre Kratzspuren waren nicht mehr interpretierbar.
«Das Magnetorientierungssystem findet Eingang über das rechte Auge der Tiere», erläutert Güntürkün. «Es benutzt quasi das visuelle System, um sich Zugang zur Wahrnehmung zu verschaffen.» Damit stützen die Forscher ein biophysikalisches Modell, wonach das Magnetfeld bestimmte Moleküle im Auge beeinflussen kann.
Diese Moleküle nehmen einen bestimmten Energiezustand an, je nachdem in welcher Position zum Magnetfeld sie sich befinden. Dadurch entsteht vermutlich ein plastisches «Bild», so dass die Tiere den Norden «sehen» können. Der Magnetsinn ist somit an den Sehsinn gekoppelt.
Bei den Rotkehlchen sind nur das rechte Auge und die linke Gehirnhälfte für den «Magnetkompass» von Bedeutung. Die linke Hirnhälfte ist darauf spezialisiert, Informationen über den magnetischen Norden zu verarbeiten. Das Gehirn von Vögeln ist damit «lateralisiert». Das heißt: Linke und rechte «Gehirnhälfte» sind für unterschiedliche Aufgaben zuständig. Eine solche «Händigkeit» des Gehirns hatte man früher nur bei Menschen vermutet. Inzwischen wurde das Phänomen jedoch auch bei vielen anderen Wirbeltieren beobachtet.