netzeitung.deKarneval der Ameisen in Notting Hill

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Notting Hill Carneval (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Notting Hill Carneval
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Modelle für das Verhalten von Ameisen sollen Auskunft über das Verhalten von großen Menschenmassen geben. Wissenschaftler haben damit jetzt eine sichere Route für den Karneval im Londoner Stadtteil Notting Hill berechnet.

Fast eine Million Menschen werden an diesem Wochenende in den Londoner Stadtteil Notting Hill strömen, um das größte Straßenfest Europas zu feiern. Um das bunte Treiben in möglichst sichere Bahnen zu lenken, verfolgen britische Wissenschaftler eine ungewöhnliche Strategie: Sie behandeln die Besucher wie Ameisen.
Suche nach alternativen Routen
In der Vergangenheit folgte die Parade des «Notting Hill Carnival» stets einer kreisförmigen Route. Als Folge ballten sich die Besucher auf einer relativ kleinen Fläche. Im Auftrag der Stadtverwaltung suchen Michael Batty vom University College London und sein Team daher seit zwei Jahren nach alternativen Routen, die den Vergnügungswilligen – und Rettungsfahrzeugen - mehr Luft lassen.

Während des letzten Karnevals sammelten Batty und seine Kollegen Daten über die «Einfallspforten» der Besucher und darüber, wie viele Menschen sich von dort zu welchen Plätzen begaben. Dazu nutzten sie Angaben von Verkehrsbetrieben, Erste-Hilfe-Organisationen und Luftbilder der Polizei.

Modell für das Verhalten von Ameisen
Anhand dieser Daten versuchten die Wissenschaftler das Treiben auf dem Notting Hill Karneval am Computer zu simulieren. Dazu verwendeten sie ein Modell, das ursprünglich für die Erforschung des Verhaltens von Ameisen entwickelt worden war: Eine große Zahl von Ameisen bewegt sich bei solchen Simulationen – ohne äußere Kontrolle – auf einem komplexen aber geordneten Netz aus Ameisenstraßen. Zur Simulation der menschlichen Bewegungen ließen die Forscher 15.000 digitale Fußgänger durch ein virtuelles Notting Hill streifen. Die Besucher wurden darauf programmiert, schnellstmöglich zu den attraktivsten Punkten zu streben. Gleichzeitig sollten sie dichte Ansammlungen meiden.

Anhand dieses Modells machten die Forscher kritische Punkte im Stadtviertel aus, an denen sich besonders leicht Besucherstaus bilden können. Sie untersuchten die Auswirkungen verstopfter Straßen oder geschlossener U-Bahn-Stationen und prüften sechs Alternativrouten auf ihre Tauglichkeit. Als optimale Route entpuppte sich dabei ein L-förmiger Weg durch das Viertel.

Objektiver Maßstab
Dieser Vorschlag scheiterte jedoch am Wunsch der Organisatoren nach einer möglichst kreisförmigen Route. Zudem wehrten sich einige Anwohner dagegen, dass die Parade durch ihre Gegend geleitet werden sollte. Mittlerweile hat man sich auf einen U-förmigen Weg geeinigt.

Dies sei jedoch nur eine vorläufige Lösung, sagte Lee Jasper, Berater des Londoner Bürgermeisters, gegenüber der Online-Ausgabe des Magazins «Nature». «Das Wichtigste ist, dass wir jetzt einen objektiven Maßstab für die Entscheidungsfindung haben», so Jasper. «In der Vergangenheit mussten wir uns auf gesunden Menschenverstand und Erfahrung verlassen.» (nz/jkm)