Kanalbau vor 1800 Jahren
11.06.2002
Herausgeber: netzeitung.de
Zunächst entdeckten die Forscher einen 150 Meter langen künstlichen See, der von einem Erdwall umgeben ist. Irgendwann vor dem Jahr 700 nach Christus wurde das Wasserbecken ausgehoben. Seine Längsachse weicht genau zwanzig Grad westlich vom Nordpunkt ab. Offensichtlich war der heilige See wie andere Bauten in Nordamerika in den Sternkult eingebunden.
Überrascht wurden die Wissenschaftler jedoch, als sie zwei drei und vier Kilometer lange Kanäle näher untersuchten. Sie waren im Durchschnitt sechseinhalb Meter breit und zwei Meter tief. Offensichtlich dienten sie den Indianern zur Umgehung von Stromschnellen des Caloosahatchee-Flusses.
Eine Radiokarbon-Analyse des organischen Materials vom Boden der Kanäle erbrachte das hohe Alter von 1800 Jahren. Die künstlichen Wasserwege sind damit sechshundert Jahre älter als vergleichbare Funde in Florida. Um die 90.000 Kubikmeter Erde fortzubewegen, müssen einige Hundert Menschen mehrere Jahrzehnte lang gearbeitet haben. Eine Gemeinschaftsleistung dieses Ausmaßes setzt eine zentrale Organisation der Gesellschaft voraus, die das Kennzeichen einer höheren Zivilisation ist.
«Niemand konnte ahnen, dass dieses Kanalsystem bereits so früh entstanden ist, wie wir jetzt beweisen können,» erklärte der Grabungsleiter Robert S. Carr. «Bisher dachten wir, dass die Calusa erst ab 600 nach Christus den Schritt zu einem organisierten Staatswesen taten. Jetzt sehen wir, dass diese Gesellschaft sehr viel früher einen hohen Grad an Komplexität erreichte, als wir vermutet hatten.»
Die Anlage von Überlandkanälen deutet auf Kulturbeziehungen nach Zentralamerika hin. Im Südwesten der Vereinigten Staaten baute das Wüstenvolk der Hohokam ab 300 nach Christus ein Kanalsystem zur Bewässerung der Felder und zur Versorgung der Dörfer mit Trinkwasser aus. Nach einigen Jahrhunderten der Entwicklung besaß es eine Gesamtlänge von 960 Kilometern. (nz/jkm)

