netzeitung.deKanalbau vor 1800 Jahren

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Spuren einer frühen Hochkultur: Eines der ältesten Kanalsysteme Amerikas haben Archäologen in Florida entdeckt.

In Florida haben Archäologen ein 1800 Jahre altes Kanalsystem entdeckt. Das Bauwerk, das vom Indianervolk der Calusa angelegt wurde, ist das bislang früheste Zeugnis seiner Art in Florida. Von Alter und Dimensionen des mit Schaufeln aus Holz, Geweih und Muschelschalen ausgehobenen Kanals zeigten sich die Forscher überrascht.
Künstlicher See
Bereits 1842 waren Landvermesser auf einige Erdwälle etwa siebzig Kilometer landeinwärts von Fort Myers an der Westküste Floridas gestoßen. Sie hielten die Bauten für Festungsanlagen europäischer Siedler und schenkten ihnen keine weitere Beachtung. Bis 1988 wurde der Platz in der Nähe des Dorfes Ortona als Mülldeponie genutzt. Als 1996 eine Straße erweitert werden sollte, begannen Archäologen mit ihrer Rettungsarbeit. Auf Luftbildern hatten sie die regelmäßige Anlage einer prähistorischen Siedlung erkannt.

Zunächst entdeckten die Forscher einen 150 Meter langen künstlichen See, der von einem Erdwall umgeben ist. Irgendwann vor dem Jahr 700 nach Christus wurde das Wasserbecken ausgehoben. Seine Längsachse weicht genau zwanzig Grad westlich vom Nordpunkt ab. Offensichtlich war der heilige See wie andere Bauten in Nordamerika in den Sternkult eingebunden.

Zeichen einer höheren Zivilisation
Auf einer Gesamtfläche von fünf Quadratkilometern sicherten die Archäologen außerdem noch mehrere Erdwälle, einen sechseinhalb Meter hohen Grabhügel aus Sand sowie weitere Hügel aus Erde und Muschelschalen, auf denen einst die Wohngebäude der Indianer standen.

Überrascht wurden die Wissenschaftler jedoch, als sie zwei drei und vier Kilometer lange Kanäle näher untersuchten. Sie waren im Durchschnitt sechseinhalb Meter breit und zwei Meter tief. Offensichtlich dienten sie den Indianern zur Umgehung von Stromschnellen des Caloosahatchee-Flusses.

Eine Radiokarbon-Analyse des organischen Materials vom Boden der Kanäle erbrachte das hohe Alter von 1800 Jahren. Die künstlichen Wasserwege sind damit sechshundert Jahre älter als vergleichbare Funde in Florida. Um die 90.000 Kubikmeter Erde fortzubewegen, müssen einige Hundert Menschen mehrere Jahrzehnte lang gearbeitet haben. Eine Gemeinschaftsleistung dieses Ausmaßes setzt eine zentrale Organisation der Gesellschaft voraus, die das Kennzeichen einer höheren Zivilisation ist.

«Niemand konnte ahnen, dass dieses Kanalsystem bereits so früh entstanden ist, wie wir jetzt beweisen können,» erklärte der Grabungsleiter Robert S. Carr. «Bisher dachten wir, dass die Calusa erst ab 600 nach Christus den Schritt zu einem organisierten Staatswesen taten. Jetzt sehen wir, dass diese Gesellschaft sehr viel früher einen hohen Grad an Komplexität erreichte, als wir vermutet hatten.»

Die Calusa
Das Indianervolk der Calusa war bald nach der Ankunft der Europäer an Krankheitsepidemien zugrunde gegangen. Die Calusa stammten ursprünglich aus dem karibischen Raum. Auf ihren Einbäumen aus Zypressenholz fuhren sie bis nach Kuba und Mexiko. Als geschickte Jäger und Fischer bauten sie keine Pflanzen an und züchteten auch keine Tiere. Dennoch errangen sie auf Handels- und Kriegszügen eine dominierende Rolle unter den Indianervölkern von Florida. Ihre Dörfer waren von Erdwällen umgeben und wurden von einem Erbhäuptling regiert.

Die Anlage von Überlandkanälen deutet auf Kulturbeziehungen nach Zentralamerika hin. Im Südwesten der Vereinigten Staaten baute das Wüstenvolk der Hohokam ab 300 nach Christus ein Kanalsystem zur Bewässerung der Felder und zur Versorgung der Dörfer mit Trinkwasser aus. Nach einigen Jahrhunderten der Entwicklung besaß es eine Gesamtlänge von 960 Kilometern. (nz/jkm)