02.05.2002
Herausgeber: netzeitung.de
Dressierte Beutelratte bei der Minensuche. Bisher setzten Forscher auf Dressur, wobei die Mine durch Scharren angezeigt wird.
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Eine Methode zur Fernsteuerung lebender Ratten haben US-Wissenschaftler entwickelt. Die Technik schaltet die natürlichen Instinkte der Tiere teilweise aus.
Ferngesteuerte Ratten, die Minen aufspüren oder nach Erdbebenopfern suchen solche Visionen könnten nach den Forschungen von Sanjiv Talwar bald Realität werden. Der Wissenschaftler von der State University in New York hat eine Methode entwickelt, Ratten durch elektrische Stimulierung des Gehirns fernzusteuern. Bei ersten Versuchen ließen sich die Ratten zu Verhaltenweisen bewegen, die zum Teil ihren natürlichen Instinkten widersprachen.
Elektroden im HirnTalwar und seine Kollegen pflanzten ihren Laborratten drei haardünne Elektroden ins Gehirn ein, die gezielt Reize auslösen können. Gesteuert werden die Elektroden über eine kleine Funkbox auf dem Rücken der Tiere. Die erste Elektrode spricht eine Region im Vorderhirn an, die als Wohlfühl- und Belohnungszentrum bekannt ist. Die beiden anderen Elektroden können Reize der linken und rechten Schnurrbarthaare nachahmen. Auf diese Weise lassen sich die Ratten über einen Laptop aus bis zu 500 Metern Entfernung vorwärts oder seitwärts lenken, berichten die Forscher im Magazin «Nature».
Per Fernsteuerung brachten die Forscher die Tiere dazu, durch Röhren zu laufen sowie auf Bäume zu klettern. Selbst hell beleuchtetes offenes Gelände überquerten die Ratten, obwohl es ihren Instinkten widerspricht. Allerdings hat die Fernsteuerung auch ihre Grenzen: Sollen die Versuchstiere beispielsweise aus lebensgefährlicher Höhe springen, kann sich ihr eigener Wille gegenüber der Manipulation behaupten.
Ethische ProblemeMit der neuen Technik ließen sich Ratten nach Meinung der Wissenschaftler wie Spürhunde einsetzen. Nach Erdbeben könnten sie Verschüttete suchen oder in Kriegsgebieten Minen aufspüren. Die Forscher suchen jetzt noch nach Wegen, die Wahrnehmungen der Tiere ablesbar zu machen. Dann könnte die Fernsteuerung etwa automatische Meldungen senden, sobald die Ratten Sprengstoffe oder Menschen riechen.
Die Forscher räumen ein, dass die Fernsteuerung von Tieren aus ethischer Sicht problematisch ist. «Darüber muss man diskutieren», gibt Talwar zu, betont aber: «Die Ratten sind nicht zu Zombies geworden, sie arbeiten mit ihren eigenen Instinkten.» Der Forscher sieht in den Versuchen eine Erweiterung der klassischer Verhaltensforschung, bei der Tiere für bestimmte Handlungen mit Futter belohnt werden. (nz/jkm)