netzeitung.deDer Ruf der Wildnis

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Schimpansen suchen in der Wildnis nach Wurzeln zum Trommeln. (Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Schimpansen suchen in der Wildnis nach Wurzeln zum Trommeln.
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Wie teilen sich Affen einander mit? Primatologen suchen in der Wildnis nach den Wurzeln sprachlicher Verständigung.

Der Regenwald ist noch im Dunkel versunken, als sich die Forschergruppe aus Leipzig den Weg zum Schlafplatz der Affen bahnt. Lärm von tausenden Insekten erfüllt die Luft im Taï-Nationalpark an der Elfenbeinküste in Westafrika.
Ein Rascheln in den Blättern, dann gleiten große dunkle Schatten die Bäume herab.
Es war ein «sehr bewegender Moment», als sie das erste Mal wilden Schimpansen begegnete, erinnert sich Cathy Crockford: «Sie schauten mich an, doch dann machten sie einfach weiter, als wären wir gar nicht da.» Die Primatenforscherin untersucht, wie Schimpansen in der Wildnis miteinander kommunizieren. Von Menschenaffen in Gefangenschaft weiß man, dass sie die Bedeutung von weit über hundert Wörtern lernen können. Die 'sprachlichen' Fähigkeiten wildlebender Affen sind jedoch weitgehend unbekannt.
'Vorsicht, Feind aus der Luft!'
Grüne Meerkatzen, eine häufige afrikanische Affenart, verwenden verschiedene Alarmrufe für Leoparden, Adler und Schlangen. Je nach Warnruf ihrer Artgenossen reagieren Meerkatzen angemessen auf die drohende Gefahr. «Die Rufe zeigen nicht nur: 'das Tier hat Angst'. Sie beziehen sich offensichtlich auf ein Ereignis in der Umwelt des Tieres - das Auftauchen eines bestimmten Feindes. Ein wichtiger Schritt in der Evolution» sagt Crockford. Während auch Hühner oder Mangusten zu ähnlichen Leistungen fähig sind, kennt man dies von Menschenaffen bisher nicht.

Schimpansen rufen zwar, wenn sie einen Leoparden sehen, «wir wissen aber noch nicht, warum sie dies tun», sagt die Wissenschaftlerin vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie (Eva). Beim Anblick von Menschen verstummen sie dagegen und versuchen, sich zu verstecken. Ob Tiere unterschiedliche Rufe bei Feinden verwenden, scheint weniger von ihren Fähigkeiten abzuhängen als vom Überlebensvorteil, den sie dadurch erzielen.
Paviane geben ebenfalls Alarmrufe ab, doch sind diese anders als bei Meerkatzen eher unspezifisch. Viele Laute erhalten möglicherweise erst in der jeweiligen Situation ihre Bedeutung. »Ein Warnruf am Fluss bedeutet dann vermutlich 'Vorsicht, Krokodil'«, sagt Julia Fischer, die ebenfalls am Eva forscht. Sie hat die Rufe freilebender Paviane in verschiedenen Situationen aufgenommen, beispielsweise, wenn ein Löwe auftauchte. Momente, in denen sie selbst weiche Knie bekam. «Vielleicht», so Fischer, «können sich Paviane ein salopperes Alarmsystem leisten, weil der Raubdruck für sie geringer ist.»
Schreien, Bellen, Grunzen
Spezifische Alarmrufe wie bei den Meerkatzen sind bislang von mehreren Affenarten bekannt, jedoch nicht von Menschenaffen. Crockford möchte daher herausfinden, ob das Schreien, Bellen und Grunzen der Schimpansen ebenso genaue Informationen übermittelt. In ihren geistigen Fähigkeiten sind Schimpansen jedenfalls den meisten anderen Affen überlegen, so Crockford. «Zudem leben Schimpansen in großen Gruppen in dunklen Wäldern, wo Rufe viel weiter reichen als optische Signale», sagt sie.

Zur Kommunikation nutzen Schimpansen neben den Vokalisationslauten auch das Herumtrommeln auf Baumwurzeln, das noch in großer Entfernung gut zu hören ist. «Schimpansengruppen können unglaublich laut sein, manchmal hört man dagegen über Stunden keinen Ton», sagt Crockford. Ob die Laute etwas bestimmtes bedeuten, lässt sich aber nur anhand der Reaktionen anderer Gruppenmitglieder überprüfen - im Dickicht des Regenwaldes und bei der Größe der Reviere ein schwieriges Unterfangen für einen menschlichen Beobachter.

Ohnedies teilen sich Schimpansen vieles durch Gesten mit - insbesondere Mütter und ihre Kinder. Dies lässt sich beispielsweise beobachten, wenn sie ihrem Kind signalisieren, dass es auf ihren Rücken steigen soll. Die benutzten Gesten können sich zwischen einzelnen Tieren und Mitgliedern verschiedener Gruppen stark unterscheiden. Schimpansen zeigen jedoch nie mit der Hand auf etwas. Die Aufmerksamkeit der anderen lenken sie allein durch ihre Blickrichtung und Körperhaltung.
Grenzen der VerständigungBiologin Fischer hört auf die Rufe von Affen.
Die Verwendung von Sprache gilt vielen als der bedeutendste Unterschied zwischen dem Menschen und seinen nächsten Verwandten. Wo die Grenzen der Kommunikation bei Affen liegen, ist noch nicht klar. Dass sie nicht sprechen, hält Julia Fischer nicht für einen Beweis beschränkter geistiger Fähigkeiten: «Affen sind viel schlauer, als es ihre Lautäußerungen bisher vermuten lassen».