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Betrug durch «weibliche» Schlangenmännchen

15. Nov 2001 12:22
Männchen, Weibchen, oder weibliches Männchen? Strumpfbandnatter.
Wenn Schlangenmännchen sich als Weibchen ausgeben, führen sie ihre Art- und Geschlechtsgenossen hinters Licht – und verschaffen sich selbst Vorteile.

Von Richard Friebe
 
Strumpfbandnattern (Gattung Thamnophis) gehören zu den liebsten Haustieren von Terrarien-Betreibern. Sie sind hübsch anzusehen, zeigen sich gerne und sind leicht zu pflegen. Für Biologen sind sie in den letzten Jahrzehnten aus ähnlichen Gründen zu bevorzugten Studienobjekten geworden.

«Weibliche» Männchen

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  • Die männlichen Tiere zeigen gelegentlich eine Art homophiles Verhalten. Ausgelöst wird es dadurch, dass einzelne Individuen weibliche Pheromone aussenden: sexuelle Lockstoffe, die andere Männchen anziehen. Bisher hatten Herpetologen, jene Gruppe von Zoologen, die sich mit Reptilien und Amphibien beschäftigt, dieses Verhalten als Strategie zur Vermeidung von Aggressionen seitens männlicher Konkurrenten interpretiert. Auch einen Fortpflanzungsvorteil könnten die als Weibchen getarnten Schlangenmänner sich erschleichen, wenn sie sich unbemerkt von gleichgeschlechtlicher Konkurrenz an den Geschlechtspartner heranschlängeln könnten. Solche «alternativen Paarungsstrategien» sind im Tierreich bereits bei zahlreichen Arten gefunden worden.

    Konkurrenz-Vermeidung, Fortpflanzungsvorteile – bei den Strumpfbandnattern stimmt nichts von dem. Diese Ansicht vertreten zumindest Rick Shine und seine Kollegen von der University of Sydney in der aktuellen Ausgabe von «Nature». Sie haben in Kanada Männchen der Art Thamnophis sirtalis parietalis untersucht. Ihre Erklärung ist eine andere: Die Männchen ziehen mit ihren Lockstoffen andere Männchen an, die sie einerseits nach dem Winterschlaf aufwärmen und andererseits vor Fressfeinden schützen.

    «Sie-Männchen» im «Paarungsball»

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    Diese Hypothese ist vor allem dadurch gestützt, dass die männlichen Strumpfbandnattern nur ein bis zwei Tage nach dem Erwachen aus achtmonatigem Winterschlaf weibliche Lockstoffe abgeben. Shine und sein Team fanden bei ihren Beobachtungen auch keinerlei Fortpflanzungsvorteile für die «She-Males» («Sie-Männchen»). Was sie allerdings in Experimenten an mit Temperaturfühlern versehenen Schlangen messen konnten, war eine deutlich beschleunigte Erwärmung von Tieren, die von anderen Schlangen umgeben waren. Genau solche «Paarungs-Bälle» («Mating-Balls») bilden sich, wenn ein She-Male andere Männchen anlockt. Sie alle suchen die Nähe des vermeintlichen Weibchens, um mit ihm zu kopulieren – und heizen es damit auf.

    Für Shine liegen die Vorteile klar auf der Hand: Das weiblich duftende Männchen wird deutlich schneller aufgewärmt als ohne die Nähe der fehlgeleiteten Verehrer. Das verbessert seine Bewegungsfähigkeit. Auch vor Fressfeinden ist ein She-Male offenbar gut geschützt: Die statistische Auswertung der Beobachtungen an den Paarungs-Bällen ergab, dass die Körper von She-Males durchschnittlich zu 58 Prozent von anderen Schlangenkörpern bedeckt sind, deutlich mehr als die Körper normaler Männchen. Und Krähen, die Hauptfeinde der Strumpfbandnattern in Kanada, werden eher sichtbare Schlangenteile aus dem Bündel ziehen als bedeckte.

    Natürliche oder sexuelle Selektion?

    Die Schlussfolgerung von Shines Team geht noch weiter. Alternative Paarungsstrategien wie das Imitieren weiblicher Eigenschaften durch Männchen («weibliche Mimikry») hätten sich in der Evolution möglicherweise durch ganz normale Natürliche Selektion entwickelt. Ein solcher Selektionsvorteil wäre in diesem Beispiel eine schnelle Erwärmung und der Schutz vor Fressfeinden. Bisher führten Soziobiologen das Entstehen alternativer Paarungsstrategien praktisch ausschließlich auf sexuelle Selektion, also direkte Fortpflanzungsvorteile zurück. Die könnten sich aber, so meint Shine, in vielen Fällen auch als Nebenprodukt der natürlichen Selektion eingestellt haben.

    Blass, weil noch voller Staub aus dem Überwinterungsquartier, präsentiert sich diese männliche Strumpfbandnatter. Was sie ihren Art- und Geschlechts-Genossen präsentiert, ist ein weiblicher Lockstoff. Die Verführten versammeln sich um den 'Betrüger' und versuchen, sich mit ihm zu paaren.
     
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