15. Nov 2001 12:22
Wenn Schlangenmännchen sich als Weibchen ausgeben, führen sie ihre Art- und Geschlechtsgenossen hinters Licht – und verschaffen sich selbst Vorteile.
Die männlichen Tiere zeigen gelegentlich eine Art homophiles Verhalten. Ausgelöst wird es dadurch, dass einzelne Individuen weibliche Pheromone aussenden: sexuelle Lockstoffe, die andere Männchen anziehen. Bisher hatten Herpetologen, jene Gruppe von Zoologen, die sich mit Reptilien und Amphibien beschäftigt, dieses Verhalten als Strategie zur Vermeidung von Aggressionen seitens männlicher Konkurrenten interpretiert. Auch einen Fortpflanzungsvorteil könnten die als Weibchen getarnten Schlangenmänner sich erschleichen, wenn sie sich unbemerkt von gleichgeschlechtlicher Konkurrenz an den Geschlechtspartner heranschlängeln könnten. Solche «alternativen Paarungsstrategien» sind im Tierreich bereits bei zahlreichen Arten gefunden worden.Konkurrenz-Vermeidung, Fortpflanzungsvorteile – bei den Strumpfbandnattern stimmt nichts von dem. Diese Ansicht vertreten zumindest Rick Shine und seine Kollegen von der University of Sydney in der aktuellen Ausgabe von «Nature». Sie haben in Kanada Männchen der Art Thamnophis sirtalis parietalis untersucht. Ihre Erklärung ist eine andere: Die Männchen ziehen mit ihren Lockstoffen andere Männchen an, die sie einerseits nach dem Winterschlaf aufwärmen und andererseits vor Fressfeinden schützen.
Diese Hypothese ist vor allem dadurch gestützt, dass die männlichen Strumpfbandnattern nur ein bis zwei Tage nach dem Erwachen aus achtmonatigem Winterschlaf weibliche Lockstoffe abgeben. Shine und sein Team fanden bei ihren Beobachtungen auch keinerlei Fortpflanzungsvorteile für die «She-Males» («Sie-Männchen»). Was sie allerdings in Experimenten an mit Temperaturfühlern versehenen Schlangen messen konnten, war eine deutlich beschleunigte Erwärmung von Tieren, die von anderen Schlangen umgeben waren. Genau solche «Paarungs-Bälle» («Mating-Balls») bilden sich, wenn ein She-Male andere Männchen anlockt. Sie alle suchen die Nähe des vermeintlichen Weibchens, um mit ihm zu kopulieren – und heizen es damit auf.Für Shine liegen die Vorteile klar auf der Hand: Das weiblich duftende Männchen wird deutlich schneller aufgewärmt als ohne die Nähe der fehlgeleiteten Verehrer. Das verbessert seine Bewegungsfähigkeit. Auch vor Fressfeinden ist ein She-Male offenbar gut geschützt: Die statistische Auswertung der Beobachtungen an den Paarungs-Bällen ergab, dass die Körper von She-Males durchschnittlich zu 58 Prozent von anderen Schlangenkörpern bedeckt sind, deutlich mehr als die Körper normaler Männchen. Und Krähen, die Hauptfeinde der Strumpfbandnattern in Kanada, werden eher sichtbare Schlangenteile aus dem Bündel ziehen als bedeckte.